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Israel:Ohne Bodenhaftung

Da standen sie noch besser da: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine Frau Sara bei einer Wahlveranstaltung im März.

(Foto: Gil Cohen-Magen/AFP)

Mit abfälligen Bemerkungen bringt die Familie Netanjahu viele Israelis gegen sich auf. Der Sohn des Premierministers nannte jüngst die Demonstranten, die seit Wochen vor der Residenz des Regierungschefs dessen Rücktritt fordern, "Aliens".

Von Peter Münch, Tel Aviv

Zu allem Überfluss weiß man in Israel nun auch, wie man sich in diesen angespannten Zeiten einen gemütlichen Familienabend im Hause Netanjahu vorzustellen hat. Der Vater, also der Premierminister, und sein Sohn Jair sitzen da vertraut beieinander, und irgendwann holt der 29-jährige Sprössling sein Smartphone oder Tablet heraus und zeigt dem Alten ein paar Videos. Zu sehen sind darauf die Demonstranten, die seit Wochen in wachsender Zahl vor der Jerusalemer Residenz des Regierungschefs dessen Rücktritt fordern. "Ich zeige ihm nicht die ganz rüden Sachen, das ist dann doch nicht so angenehm", hat Jair Netanjahu zur Erklärung gesagt. "Aber er sieht dann diese Aliens, und das bringt ihn zum Lachen. Das ist gute Unterhaltung und vermittelt ihm ein Gefühl der Stärke."

Diese Einblicke nach Art einer politischen Seifenoper hat der Sohn des Premierministers in einem Gespräch mit dem im Westjordanland ansässigen Radiosender Galei Israel gegeben - und wenn es eines Tropfens bedürft hätte, um das Fass zum Überlaufen zu bringen, hat er ihn damit geliefert. In den sozialen Netzwerken, die Jair Netanjahu gern, oft und provokant bedient, ging es hoch her, und für die Kritiker ist nun endgültig bewiesen, dass der Regierungschef und seine Familie die Bodenhaftung verloren haben.

Die Hälfte der Likud-Wähler sind unzufrieden mit dem Krisenmanagement des Premiers

Das Massenblatt Jedioth Achronoth titelte: "Leben auf einem anderen Planeten". Eine Karikatur zeigt Benjamin Netanjahu mit seinen beiden Söhnen Jair und Avner, wie sie in einem Raumschiff über einen Demonstrationszug düsen und der Vater fragt: "Wer will jetzt die Aliens füttern?" Im Kommentar schließlich heißt es: "Nein, Jair, wir sind keine Außerirdischen. Wir sind hier nicht hier zu deiner persönlichen Unterhaltung. Wir leben hier, wir sind Israelis, wir suchen eine Art von Frieden, und wenn das gerade unmöglich ist, dann wären wir froh über ein gutes Gesundheitssystem und eine funktionierende Wirtschaft."

Nach Monaten der Corona-Krise und Wochen der Proteste haben sich die Fronten verhärtet in Israel. Ausfälle wie jener von Jair Netanjahu gegen die demonstrierenden "Aliens" sind kein Einzelfall. Auch der Regierungschef selbst beschimpft seine Gegner regelmäßig als "Anarchisten", von denen einige ihm und seiner Familie nach dem Leben trachten würden. Schützenhilfe bekommt er vom Hofblatt Israel Hajom, das von seinem amerikanischen Gönner Sheldon Adelson finanziert wird. Die bunten Proteste vor der Residenz in der Jerusalemer Balfour-Straße laufen dort unter dem Rubrum "Woodstock des Hasses". Netanjahus Likud-Vertrauter Miki Zohar stellte nun gar in einem Radiointerview die Behauptung auf, ein Teil der Demonstranten werde von Gegnern der rechten Regierung bezahlt. Gefragt nach Belegen wand er sich heraus mit dem Hinweis: "Es gibt alle möglichen Gerüchte."

Deuten lassen sich solche Attacken auch als Zeichen wachsender Nervosität. Die Corona-Krise bringt täglich neue Schreckenszahlen hervor - bei den Infektionen ebenso wie bei den Wirtschaftsdaten. Zudem rückt die heiße Phase des Korruptionsprozesses näher, in dem Netanjahu voraussichtlich von Januar an dreimal pro Woche als Angeklagter vor Gericht erscheinen muss. Da liegen die Nerven blank, und es liegt nahe, sich als Opfer feindlicher Mächte zu stilisieren. Bei einer Kabinettssitzung zu Wochenbeginn hatte Netanjahu in einem mehrere Minuten langen Monolog gegen die Medien gewütet, denen er eine "Einseitigkeit" vorwarf, wie es sie sonst nur in Nordkorea gäbe. "Sie berichten nicht nur über die Demonstrationen, sie nehmen daran teil und heizen sie an", schimpfte er.

Schaut man sich die am Mittwoch veröffentlichen Umfragedaten des Israelischen Demokratie-Instituts an, dann könnte Netanjahu tatsächlich Grund haben zur Nervosität. Demnach identifizieren sich 45 Prozent der Israelis mit den Demonstrationen, die seinen Rücktritt wegen des Korruptionsprozesses fordern. 58 Prozent stehen hinter den Protesten gegen die Wirtschaftspolitik in Corona-Zeiten. Unzufrieden damit zeigten sich auch 50 Prozent der Wähler von Netanjahus Likud-Partei.

© SZ vom 06.08.2020

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