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Israel:Alles auf Anfang

Israel will enter a second nationwide lockdown amid a resurgence in new COVID-19 cases, forcing residents to stay mostly at home during the Jewish high-holiday season

Einige Corona-Maßnahmen sind politischen und religiösen Einflüssen unterworfen und sorgen für Kritik.

(Foto: Amir Cohen/Reuters)

Als erstes Land verhängt Israel zum zweiten Mal den Lockdown - ausgerechnet zum Neujahrsfest. Viele Menschen macht das schwermütig.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Im Dizengoff Center im Herzen von Tel Aviv herrscht am Freitagmorgen Hochbetrieb. Die letzten Einkäufe werden erledigt, und an den vielen Essensständen im Untergeschoss decken sich die Kunden noch mit Delikatessen ein für dieses ganz besondere Wochenende, an dem Rosch Haschana gefeiert wird, das jüdische Neujahrsfest. Schnell noch Hähnchenschenkel kaufen und Fleischklöpse, gefüllte Paprika und diese köstlichen Fladenbrote am Stand der Beduinenfrauen. Es ist ein letztes großes Geschiebe und Gedränge. Um Punkt 14 Uhr rattern die Gitter nach unten, die Läden werden fest verschlossen - und sie werden so schnell auch nicht mehr öffnen. Denn Israel wird zurückgeworfen in den Lockdown.

Alles auf Anfang, weil ein böses Ende droht. Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus ist in Israel mit seinen neun Millionen Einwohnern erst stetig, dann immer schneller gestiegen in den vergangenen drei Monaten. Am Mittwoch war der vorläufige Höhepunkt erreicht mit mehr als 6000 neuen Fällen am Tag. Zwar liegt auch die Zahl der Tests auf Rekordniveau, mehr als 50 000 sind es fast täglich. Doch eine Positiv-Rate von mehr als zehn Prozent lässt die Alarmglocken schrillen, und die Regierung hat keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als Israel zum ersten Land der Welt zu machen, das zum zweiten Mal landesweit dicht macht.

Die Zahlen deuten darauf hin, dass es dafür höchste Zeit wird, doch für die Israelis kommt das absolut zur Unzeit. Das Neujahrsfest eröffnet die Saison der hohen Feiertage. Es folgen in den nächsten drei Wochen noch Jom Kippur und das achttägige Laubhüttenfest. Es sind Zeiten, in denen sonst die Familien zusammenkommen und Ausflüge unternehmen. All dem wird nun ein Riegel vorgeschoben.

Die Menschen stürzt das in Schwermut und Wut. Fiebrig war die Stimmung in den Stunden vor der Schließung. Schnell noch mal ins Lieblingscafé, kurz noch mal die Freunde sehen oder runter zum Strand gehen, bevor auch das verboten ist, weil sich, von Ausnahmen abgesehen, niemand weiter als 1000 Meter von seiner Wohnung entfernen darf. Hauptziel des Lockdowns ist es, jedwede größere Zusammenkunft zu unterbinden. Ein Restaurant im Stadtzentrum hat die nun überflüssigen Vorräte vor die Tür gestellt. Jeder kann sich bedienen beim Gemüse oder bei den Wassermelonen. Die Floristen verkaufen Blumen zum Schleuderpreis. Geöffnet bleiben nur die Geschäfte für den lebensnotwendigen Bedarf. Die Schulen sind schon seit Donnerstag geschlossen - als Konsequenz daraus, dass vorige Woche 20 Prozent aller neuen Fälle auf das Erziehungssystem zurückzuführen waren.

Aus der Gesundheitskrise ist eine Gesellschaftskrise geworden. Der Gouverneur der Bank von Israel kalkuliert, dass jede Lockdown-Woche vier bis fünf Milliarden Schekel kosten wird, umgerechnet bis zu 1,25 Milliarden Euro. Das Finanzministerium rechnet mit 300 000 bis 400 000 neuen Arbeitslosen. Viele Geschäftsleute stehen vor dem Ruin, und nicht wenige kündigen Widerstand an und wollen sich der angeordneten Schließung verweigern.

Solche Wogen des zivilen Ungehorsams sind ein Beleg dafür, in welch dramatischem Ausmaß Israels Bevölkerung in der Coronakrise das Vertrauen in ihre Regierung verloren hat. Der Grund dafür ist, dass die angeordneten Maßnahmen sich in den zurückliegenden Wochen ständig geändert haben, dass sie politischen und religiösen Einflüssen unterworfen waren und dass sie kompliziert, unlogisch sowie teils widersprüchlich sind. So ist zum Beispiel das rituelle Bad in einer Mikweh erlaubt, Schwimmbäder und auch das Meer sind jedoch gesperrt. Demonstrieren darf man, aber seine Freunde besuchen darf man nicht.

Zudem haben viele Politiker in letzter Zeit ein äußerst schlechtes Beispiel abgegeben. Die jüngste Aufregung trifft Premierminister Benjamin Netanjahu und seine Delegation, die nach Rückkehr aus den USA in dieser Woche nicht wie vorgeschrieben eine 14-tägige, sondern nur eine fünftägige Quarantäne antreten müssen. Gesteigert wird das Vertrauen in die Regierung gewiss nicht dadurch, dass der Vize-Gesundheitsminister Joav Kisch öffentlich verkündete, er glaube nicht daran, dass der neue Lockdown die Infektionszahlen signifikant senken werde.

Netanjahu kündigte bereits an, dass weitere Verschärfungen nötig werden könnten. Israels Präsident Reuven Rivlin hat sich indes in einer Fernsehansprache bei den Bürgern für die Fehler der Regierung beim Corona-Management entschuldigt. Die Politik forderte er auf, angesichts des neuen Lockdowns schnellstmöglich wieder Vertrauen zu schaffen. "Dies ist eine zweite Chance", sagte er, "und wir müssen sie nutzen, weil wir, so fürchte ich, keine dritte bekommen werden."

© SZ vom 19.09.2020

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