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Islamkonferenz:Neue Heimat

Gebet in Moschee

Noch hören Muslime in deutschen Moscheen oft Predigten ausländischer Kleriker. Hierzulande ausgebildete Imame sind bisher eine Minderheit.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Gemeinsam gegen Hass und Extremismus: Innenminister Seehofer wirbt um das Vertrauen der Muslime in Deutschland - und nähert sich so einem Teil der Gesellschaft, der ihm lange herzlich fremd war.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Man darf ihn inzwischen als weit Gereisten bezeichnen. Wenn der Bundesinnenminister heute über den Islam in Deutschland spricht, dann nicht mehr darüber, ob er zum Land gehört oder nicht. Es geht ihm neuerdings um "Deutschland, unsere gemeinsame Heimat". Und darum, dass Pluralismus, "immer vorteilhaft für die Menschen sei", wie er sich ausdrückt.

Am Dienstag hat Bundesinneminister Horst Seehofer (CSU) die Deutsche Islamkonferenz eröffnet, pandemiebedingt als Videoschalte. Ihr offizielles Thema: die Ausbildung von muslimischen Geistlichen in Deutschland. Ihr inoffizielles Thema: Wie Seehofer nach der islamistischen Terrorwelle in Europa um das Vertrauen engagierter deutscher Muslime wirbt - und sich einem Teil der Gesellschaft nähert, der ihm kürzlich noch herzlich fremd war.

"Der Islam gehört nicht zu Deutschland", mit diesem Satz trat Seehofer vor zweieinhalb Jahren sei Amt an. Nun nennt er Europa die "Heimat muslimischer Bürgerinnen und Bürger" oder bezeichnet die finanzielle Förderung der Imamausbildung als "gut angelegtes Geld für den gesellschaftlichen Zusammenhalt". Muslimische Geistliche und deren wichtige Rolle bei der Pflege demokratischer Werte standen im Mittelpunkt des Treffens.

Viele Moscheevereine verbaten sich jede Einmischung in die Vermittlung religiöser Vorstellungen

Imame sollen in deutscher Sprache predigen, in Deutschland ausgebildet werden und bei der Seelsorge die gesellschaftlichen Werte der Bundesrepublik vermitteln - mit dieser Forderung sehen sich muslimische Gemeinden seit Jahren konfrontiert. Passiert ist lange wenig. Viele Moscheevereine verbaten sich jede Einmischung in die Vermittlung religiöser Vorstellungen - und ließen im Ausland ausgebildete Imame predigen. Auf der anderen Seite glänzten Deutschlands konservative Islamkritiker durch zugespitzte Statements, eher selten aber durch Sachkenntnis. Auch Seehofer war einer von ihnen.

Auch die Deutsche Islamkonferenz soll das ändern. Das Dialogforum setzt sich für ein besseres Miteinander von Muslimen und Nicht-Muslimen ein, aber auch von Muslimen untereinander. Islamische Dachverbände, traditionelle Vereine und liberale Musliminnen und Muslime diskutieren da mit Vertretern von Bund und Ländern. Immer wieder haben Verbände sich auch dagegen gestemmt, Islam und Islamismus in einem Atemzug zu nennen. Nach den jüngsten Anschlägen rückte aber auch am Dienstag die Frage von Radikalisierung immer wieder in den Mittelpunkt, wenn auch in anderer Tonlage als früher.

Man kämpfe "gemeinsam" gegen Gewalt, betont der Minister, "nicht gegen den Islam"

"Muslimfeindliche Einstellungen, die sich auch in offenem Hass und Gewalttaten äußern, sind eine Bedrohung für Muslime wie für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland", sagte Seehofer. Nach den Anschlägen von Nizza, Dresden und Wien kämpfe man "gemeinsam" gegen Gewalt uns Extremismus, "nicht gegen den Islam". Wo immer im Namen der Religion gemordet werde, seien "hierzulande auch muslimische Autoritäten und Stimmen von Gewicht". Er sei dankbar, dass von so vielen muslimischen Persönlichkeiten in den letzten Wochen "klare, eindeutige Ablehnungen eines solche Gewaltexzesses" gekommen seien.

Zu den Autoritäten, denen die Bundesregierung weniger vertraut, gehören hingegen Imame. Ihre Ausbildung soll verbessert werden. An sechs deutschen Universitäten gibt es inzwischen Institute für Islamwissenschaft. Ihr Besuch wird als wichtiges Element einer in demokratischen Werten verwurzelte Ausbildung betrachtet. Allerdings ist ein Hochschulstudium für Imame nicht zwingend. Zudem muss der zweite, praktische Teil der Ausbildung in einer Religionsgemeinschaft absolviert werden. Für Muslime gab es dafür lange keine unabhängige Institution.

Auch der deutsch-türkische Verband Ditib bildet Seelsorger aus - in der Eifel

Das soll sich nun ändern. Ab April 2021 wird das Islamkolleg Deutschland in Osnabrück eine wissenschaftliche Imam-Ausbildung anbieten. Jedes Jahr sollen dort 20 bis 30 muslimische Geistliche und Seelsorger für den Dienst in deutschen Moscheegemeinden ausgebildet werden, nur auf Deutsch, kündigte der Leiter des Islamkollegs, Esnaf Begic, an. Das Modellprojekt wird vom Bundesinnenministerium und dem niedersächsischen Wissenschaftsministerium finanziert.

Aber auch der deutsch-türkische Verband Ditib bildet neuerdings in der Eifel Imame aus. Zunächst 22 Teilnehmer werden dort unterrichtet, Unterrichtssprache soll "überwiegend Deutsch, anfänglich auch Türkisch" sein. Der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Markus Kerber, verteidigte die Zusammenarbeit mit der Ditib, die als verlängerter Arm der türkischen Regierung gilt. Die jüngeren Funktionsträger des Verbands seien in Deutschland verwurzelt und legten mehr Wert auf Unabhängigkeit von Ankara. Zustimmung für Seehofers Vorhaben kam aber auch von den Grünen. "Eine Imamausbildung in Deutschland ist dringend notwendig, um die eigenständige und selbstbewusste Religionsausübung der hier lebenden Musliminnen und Muslime zu gewährleisten", sagte Filiz Polat, deren Obfrau im Innenausschuss. So viel Zustimmung war lange nicht.

© SZ/jbb
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