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Islamisten versus Militär:Wie sich Muslimbrüder und Militärs arrangieren

Natürlich gibt es Hindernisse. Da ist das Militär, das den alten Herrscher Hosni Mubarak weggeputscht hat und diese Drohung auch den neuen Präsidenten spüren lässt. Aber können Ägyptens Generäle diesen Prozess aufhalten, indem sie Panzer auffahren lassen? Kaum. Die Soldaten einer Wehrpflichtigenarmee gehen schnell von der Fahne, wenn sie auf die eigenen Verwandten schießen sollen. Die Offiziere können die Islamisierung bremsen, verhindern können sie sie nicht.

Möglicherweise ist ihnen das ganz recht: dem Volk die Religion; den Muslimbrüdern die Minister- und Direktorenposten samt der damit verbundenen Vorteile fürs private Konto; und dem Militär das Versprechen, dass ihr Industrie-Imperium - die Fleischtöpfe für die Uniformträger - unberührt bleibt; dazu die Garantie, dass der Bruder Präsident den Israelis nicht den Krieg erklärt - was wollen die Offiziere mehr?

Nach dem Putsch gegen Mubarak hatte die Generalität die Parole ausgegeben: "Das Volk und die Armee sind eine Hand." Inzwischen wirkt es trotz allen Theaterdonners so, als ob die Muslimbrüder und die Armee "eine Hand" seien.

Brüder und Offiziere mögen sich nicht ausstehen können und ihre politischen Zusammenstöße zelebrieren. Aber sie können zusammenarbeiten, bis sich die Kernfrage nach dem Industriebesitz der Generäle und dem Beharren auf politischen Sonderrechten stellt. Das ist lange hin.

Schulbücher? Kein Thema fürs Weiße Haus

Und die Welt da draußen? Diejenigen Staaten, die erklären, an der Verbreitung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit interessiert zu sein, werden sich mit Kritik an den Muslimbrüdern schwertun. Frei gewählt ist frei gewählt. Und das, was künftig in den Schulbüchern ägyptischer Kinder steht, eignet sich nicht für ein Kamingespräch unter Präsidenten im Weißen Haus oder als wichtiges Thema beim Besuch eines Berliner Ministers in Kairo.

Ja, eingeschränkte demokratische Rechte können bemängelt werden. Aber wer sagt, dass die Brüder nach außen hin nicht demokratisch agieren werden? Je weiter sie ihr Projekt umsetzen können, desto weniger müssen sie Wahlen fürchten - weil die Ideologie eingesickert sein wird. Das läuft auf eine Kulturrevolution hinaus: Das Denken in den Köpfen ändern, damit die Welt sich brüderlich dreht.

© SZ vom 12.07.2012/gal
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