Islamismus und Faschismus Wie sich Abdel-Samad als Aufklärer disqualifiziert

Entweder kennt Abdel-Samad diese Fakten nicht oder er unterschlägt sie. Obendrein betreibt er Geschichtsklitterung, indem er al-Banna mit einer Aussage unvollständig zitiert: Dieser listet die anfänglichen innen- wie außenpolitischen Erfolge Hitlers und Mussolinis auf. Doch nur, um in der Rückschau - der Text stammt von 1948 - noch einmal mahnend daran zu erinnern, dass der europäische Faschismus in die Katastrophe geführt und Millionen Menschenleben gekostet habe: Diesen unmittelbar anschließenden Kommentar sucht man bei Abdel-Samad vergebens.

Auch dient ihm die Kollaboration des palästinensischen Mufti Amin al-Husseini mit dem NS-Regime trotz ihres Ausnahmecharakters nicht nur als Beleg für die angebliche Kompatibilität von Islam und Nationalsozialismus. Die antisemitische Hetze des Großmufti, so wird suggeriert, soll derart nachhaltig gewirkt haben, dass nach 1948 "vor allem" für die palästinensischen Flüchtlinge in der arabischen Diaspora der "Antisemitismus zum Identitätsstifter" geworden sei - eine durch nichts belegte Unterstellung, die allein schon durch die Tatsache widerlegt wird, dass sich die 1964 ebenfalls im Exil gegründete palästinensische Befreiungsbewegung vom europäisch inspirierten Antisemitismus distanzierte und zwischen Juden und Zionisten klar unterschied.

Geschichtsverzerrend ist auch Abdel-Samads Behauptung, die Muslimbruderschaft sei die "Mutterorganisation des islamistischen Terrorismus", al-Qaida "eine ihrer Ausgeburten". Hier fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass manch militanter ägyptischer Islamist gerade in Abgrenzung zu den Muslimbrüdern und deren Gewaltverzicht den Weg des Terrors beschritt.

Aus dem Propaganda-Arsenal des Militärregimes

Übrigens hatte Abdel-Samad 2008 noch ein gänzlich anderes Bild von der ägyptischen Muslimbruderschaft gezeichnet, die er heute als antimodern, diktatorisch und gewalttätig einstuft. Ihr Diskurs, schrieb er damals rückblickend auf seine Zeit bei der Bruderschaft in einem "Identitätssuche und Radikalisierungserfahrungen" überschriebenen Aufsatz, "war für uns modern und emanzipatorisch" und sie habe "ganz auf ideologische Mobilisierung und nicht auf den unmittelbaren bewaffneten Kampf" gesetzt.

Tatsächlich ließen die Muslimbrüder - wie ihr vorläufiges Parteiprogramm von 2007 belegte - keinen Zweifel daran, dass sie sich gern als Partei an einer Demokratie beteiligen würden, wenn man sie denn ließe. Dass unter dem gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi eine - wenn auch teils problematische - demokratische Verfassung verabschiedet wurde, hält Abdel-Samad nicht für erwähnenswert. Mursis "Absetzung", schreibt er, "war kein Putsch, sondern eine Notwendigkeit. Um der Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen".

Nicht nur solche Parolen aus dem Propaganda-Arsenal des repressiven ägyptischen Militärregimes disqualifizieren den Autor, für den alle Islamisten, egal welcher Färbung, Faschisten sind, für die Rolle des Aufklärers. Die Grenze zur Demagogie überschreitet Abdel-Samad auch, wenn er den Propheten Muhammad als grausamen Mörder und Vergewaltiger erscheinen lässt, Abraham als Faschisten verunglimpft und behauptet, "Faschismus ist in gewisser Weise mit dem Monotheismus verwandt". Man wundert sich, dass hier dem als "Islamkritiker" derzeit allseits hofierten Publizisten nicht auch von christlicher und jüdischer Seite vehement widersprochen wird.

Joseph Croitoru, in Haifa geboren, ist Journalist und freier Historiker. Er hat Bücher über die Geschichte des Selbstmordattentats und der palästinensischen Hamas veröffentlicht.