bedeckt München
vgwortpixel

Abschuss von PS752:Die Wut auf Teherans Straßen wächst

Nach dem Flugzeugabsturz im Iran

Was am Samstag in Teheran als Trauerkundgebung für die Absturzopfer begann, wuchs sich zur Anti-Regierungsdemonstration aus.

(Foto: dpa)
  • In Teheran haben am Samstag und Sonntag zahlreiche Menschen gegen die Regierung demonstriert.
  • Eine Kundgebung zum Gedenken an die Opfer der Flugzeugkatastrophe entwickelte sich zu einem Protestzug.
  • Zwischenzeitlich war der britische Botschafter in Teheran am Rande einer Demonstration festgenommen worden, Großbritannien äußerte sich empört.

Im Internet kursieren an diesem Wochenende zahlreiche Videos, die wohl in der iranischen Hauptstadt Teheran aufgenommen worden sind. Sie zeigen Demonstranten, die durch die Straßen ziehen, die Arme in die Luft recken, Parolen skandieren und unter anderem "Tod den Lügnern" und "Nieder mit Chamenei" rufen; Ali Chamenei heißt das religiöse Oberhaupt des Iran. Einige Demonstrationsteilnehmer filmen das Geschehen mit ihren Smartphones. Zum Teil sieht man vermummte Gesichter. Ein Video zeigt Bereitschaftspolizisten, die auf Motorrädern langsam unter einer Straßenbrücke hindurchfahren und von wütenden Menschen angeschrien und umringt werden.

Eine andere Sequenz, die Natalie Amiri, die Iran-Korrespondentin der ARD, auf Twitter veröffentlichte, zeigt fliehende Demonstranten, die mit Tränengas-Granaten beschossen werden. Ein Demonstrant wirft die Granaten von der Straße aus über eine Mauer. Was offenbar zunächst als Trauerkundgebung für die Opfer von Flug PS752 begann, hat sich den Bildern nach zu einem veritablen Protest gegen die Regierung entwickelt.

Die Wut wächst auf Teherans Straßen. Nachdem offizielle iranische Stellen drei Tage lang von einem technischen Defekt als Ursache für den Absturz vom Mittwoch sprachen, gestanden sie am Samstag ein, was Luftfahrtexperten schon länger ahnten: Die ukrainische Passagiermaschine ist nicht verunglückt, sondern von Irans Militär abgeschossen worden. Versehentlich, weil sie für einen feindlichen Marschflugkörper gehalten wurde.

Am Rande der Demonstrationen wurde zwischenzeitlich der britische Botschafter festgenommen. Großbritannien reagierte empört: "Die grundlose und unbegründete Festnahme unseres Botschafters in Teheran ist eine ungeheuerliche Verletzung internationalen Rechts", sagte der britische Außenminister Dominic Raab am Samstagabend. Botschafter Rob Macaire wurde laut Nachrichtenagentur Tasnim für einige Stunden festgehalten, kam dann aber offenbar wieder frei. Macaire hatte demnach am Samstagabend an einer Protestkundgebung vor der Universität Amir Kabir teilgenommen.

Der britische Außenminister erklärte: "Die iranische Regierung steht an einem Scheideweg." Sie könne ihren Marsch in Richtung eines Außenseiterstatus weitergehen mit aller politischer und wirtschaftlicher Isolation. Oder sie könne deeskalierende Schritte einleiten und sich auf einem diplomatischen Weg nach vorn bewegen.

US-Präsident Donald Trump sicherte den Demonstranten in Teheran seine Unterstützung zu. Dafür twitterte er sogar in persischer Sprache: "Ich stehe seit Beginn meiner Präsidentschaft an Ihrer Seite, und meine Regierung wird Ihnen auch weiterhin zur Seite stehen. Wir verfolgen Ihre Proteste aufmerksam und lassen uns von Ihrem Mut inspirieren", schrieb der US-Präsident.

Die meisten Opfer der Flugzeugkatastrophe waren iranische Staatsbürger

Am Samstagabend telefonierte Irans Präsident Hassan Ruhani mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodimir Selenskij und bat um Verzeihung für den fatalen Fehler. Flugunfallermittler von der französischen BEA und dem US-amerikanischen NTSB hatte die iranische Regierung bereits zuvor eingeladen. Sie sollen nun den genauen Hergang der Katastrophe rekonstruieren. Außerdem sind Entschädigungsfragen zu klären. Selenskij hat bereits angekündigt, dass seine Regierung Kompensationsforderungen stellen werde.

Außenpolitisch ist der Abschuss des Flugzeuges für die iranische Regierung ohnehin ein Desaster. Jetzt könnte sie auch innenpolitisch unter Druck geraten. Die meisten der 176 Opfer der Flugzeugkatastrophe waren iranische Staatsbürger. Was die Demonstranten in Teheran ihrer Führung ankreiden, ist, dass die Trauer um ihre Landsleute im Staatsfernsehen keine Rolle spielt. Über die Proteste vom Samstag berichtete allerdings auch die halbstaatliche iranische Nachrichtenagentur Fars. In deren Berichten werden regierungskritische Demonstrationen üblicherweise nicht thematisiert.

Noch vor einigen Tagen, nachdem der iranische General Soleimani im Irak bei einem Angriff des US-Militärs getötet wurde, hatte es auf Teherans Straßen riesige Trauerkundgebungen gegeben, bei denen sich die Wut der Massen gegen den Erzfeind USA richtete. Die Konservativen in Irans Regierung und religiöse Hardliner sahen sich gestärkt. Jetzt könnte der Abschuss des Flugzeuges und der Umgang der iranischen Regierung damit das politische Klima verändern.

In mindestens zwei Universitäten in Teheran soll es Medienberichten zufolge auch am Sonntag Proteste gegeben haben. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Isna nahmen am Sonntag Hunderte Teilnehmer an Kundgebungen an den Universitäten Beheschti und Alarme Tabatabei teil. Demnach gab es zunächst Trauerzeremonien für die 176 Todesopfer, danach wurden der Abschuss angeprangert und auch die tagelange Vertuschung der Fakten durch die iranischen Behörden und Medien. Viele forderten den Rücktritt der zuständigen Verantwortlichen, hieß es weiter. Außerdem waren Augenzeugenberichten zufolge in Teheran Polizei- und Sicherheitskräfte wegen eventueller Demonstrationen an verschiedenen Plätzen der Hauptstadt stationiert

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass einige Demonstranten Brandsätze über eine Mauer geworfen hätten. Das ist nicht korrekt. Wir haben den Fehler korrigiert.

Politik Iran Irans Inkompetenz ist der Grund für die Tragödie

Abschuss von Flug PS752

Irans Inkompetenz ist der Grund für die Tragödie

Das Land hätte seinen Luftraum schließen müssen, wenn es Angriffe der USA erwartete. Die beiden Staaten müssen intensiv daran arbeiten, die Situation am Golf zu entschärfen - und Europa braucht endlich eine Strategie für den Nahen Osten.   Kommentar von Paul-Anton Krüger