bedeckt München 15°
vgwortpixel

Irak:Wenn die Zelte brennen

Am Wochenende stürmen Sicherheitskräfte zahlreiche Protestcamps und schießen auf regierungskritische Demonstranten. Zuvor hatte der einflussreiche Schiitenführer Muqtada al-Sadr ihnen seine Unterstützung entzogen.

Im Irak stehen die regierungskritischen Proteste an einem Wendepunkt. Der einflussreiche schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr entzog den Demonstranten via Twitter seine Unterstützung. Zuvor hatte er zu einem "Marsch der Millionen" gegen die "amerikanischen Besatzer" aufgerufen. Er fordert einen Zeitplan für den Abzug der US-Truppen. Zehntausende Iraker folgten seinem Aufruf, doch viele Anhänger der sogenannten Oktoberrevolution blieben der Kundgebung am Freitag fern. Ihre Prioritäten haben sich auch nach dem US-Drohnenanschlag auf den iranischen General Qassem Soleimani Anfang Januar in Bagdad nicht verschoben: Seit Oktober fordern sie den Rücktritt der Regierung und das Ende einer konfessionsgetriebenen Politik. Nun wirft ihnen al-Sadr vor, vom Ausland bezahlt zu werden.

Bundeswehr beginnt wieder mit der Ausbildung von Soldaten im nordirakischen Erbil

Daraufhin rückten am Wochenende Spezialeinheiten auf die Protestlager vor, steckten Zelte in Brand und schossen auf Demonstranten in zahlreichen Städten, darunter in Bagdad, Basra und in Nasirijah. Es soll mehrere Tote und Dutzende Verletzte gegeben haben. Fünf Raketen schlugen nahe der US-Botschaft ein. Die Geschosse hätten ein Flussufer an der Grünen Zone in Bagdad getroffen, es habe weder Verletzte noch größere Schäden gegeben, teilte das US-Militärkommando am Sonntag mit. Nach Angaben aus irakischen Sicherheitskreisen landete eine der Raketen innerhalb des Botschaftsgeländes. Das Koordinierungskomitee der Demonstranten wirft al-Sadr in einer Erklärung Verrat vor: "Wir werden weder wegen eines theologischen Rechtsgutachtens noch wegen eines sadristischen Tweets aussteigen", heißt es darin. "Moqtada und seine Anhänger sollten besser nicht auf unsere Ungeduld und das Ende unserer Revolution setzen." Zuvor hatte sich al-Sadr als nationalistischer Schutzpatron der Jugend inszeniert, seine Distanz zu Iran betont und seine Landsleute in ihren Forderungen nach Souveränität, dem Ende von Misswirtschaft und Korruption unterstützt. Irak den Irakern, das forderte auch er.

2018 gewann er im Bündnis mit den Kommunisten die Parlamentswahl. Doch nach dem US-Anschlag auf Soleimani scheinen sich seine Prioritäten zu verschieben. Auf Twitter sprach der Schiitenführer der Regierung in Teheran sein Beileid aus und kündigte an, die Kämpfer der Mahdi-Armee werden sich "bereithalten, um den Irak zu schützen". Die Mahdi-Miliz, rund 60 000 Kämpfer aus schiitischen Armenvierteln in Bagdad, kämpfte jahrelang gegen die USA. Die anti-amerikanische Stimmung im Land ist nicht neu - doch wird sie nun von schiitischen Parteien, die den Abzug aller ausländischer Truppen aus dem Irak fordern, angeheizt. Die Übermacht iranischer Milizen, die mit aller Gewalt gegen die mehrheitlich jungen Demonstranten vorgehen, gerät in den Hintergrund. Auf Twitter schreiben einige von ihnen nun: "Iran soll als Erstes raus."

Seit Anfang Januar fürchten sie, dass ihre Revolution gekapert wird und sie zu einem möglichen Schlachtfeld einer Auseinandersetzung der USA mit Iran werden. Dabei hatten Kurden, Schiiten, Sunniten und Christen in den vergangenen Monaten ihre Identität als Iraker betont und ein Ende der Einmischung von außen gefordert. Iranische Milizen dominieren den irakischen Sicherheitsapparat, pro-iranische Parteien die Politik. Die Regierung in Teheran inszeniert sich als Schutzmacht der Schiiten. Auf Twitter teilen junge Iraker nun Karikaturen von Sadr. Sie zeigen ihn als kleinen Mann im schwarzen Gewand, der in der Hosentasche von Irans Oberstem Führer Ayatollah Ali Chamenei steckt. Er hebt den Finger und ruft "Iran, raus, raus".

© SZ vom 27.01.2020
Zur SZ-Startseite