bedeckt München 17°

Mordserie im Irak:"Unterdrückte Wut ist wie eine tickende Zeitbombe"

Immer öfter kommt es im Irak zu Protesten.

(Foto: AP)

Innerhalb weniger Wochen wurden im Irak mehrere Aktivisten auf offener Straße ermordet. Der Menschenrechtsaktivist Ali Al Mikdam ist einer der wenigen Iraker, der darüber sprechen kann.

Interview von Dunja Ramadan

Der Menschenrechtsaktivist Ali Al Mikdam ist eine der wenigen Iraker, der über die jüngste Mordserie in seinem Heimatland sprechen kann. Innerhalb weniger Wochen wurden dort mehrere Aktivisten auf offener Straße ermordet. Im Juli eröffneten vier Männer das Feuer auf den renommierten IS-Experten Hisham al-Hashimi vor seinem Haus in Bagdad. Mitte August feuerten maskierte Männer zwanzig Kugeln auf den bekannten Aktivisten Tahsin Al-Shahmani. Vergangene Woche töteten bewaffnete Motorradfahrer die Frauenrechtlerin und Ärztin Reham Yacoub in ihrem Auto in Basra. Sie alle haben sich gegen den iranischen Einfluss im Land ausgesprochen.

Auch Mikdam erzählt von Drohungen, per SMS, Post, Tweets. Während der Oktoberrevolution schlief der heute 21-Jährige in einem Zelt auf dem Bagdader Tahrirplatz. Junge Menschen wie er forderten monatelang den Sturz der Regierung und ein Ende der iranischen Intervention im Land. Die irakische Regierung und die von Iran gesteuerten Milizen reagierten mit roher Gewalt, mehr als 500 Iraker wurden getötet.

SZ: Wann haben Sie sich entschieden, das Land zu verlassen?

Ali Al Mikdam: Als die Drohungen explizit wurden und mein Wohnort unter Beschuss geriet, tauchte ich im März 2020 in Erbil unter. Aber auch dort erhielt ich Drohungen. Mit Hilfe des kurdischen Innenminister Rebar Ahmed habe ich es in die Türkei geschafft. Meine Familie im Irak habe ich seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Aber immerhin kann ich jetzt frei sprechen.

Wen vermuten Sie hinter all diesen Attentaten auf mehrere Aktivisten?

Hashimi hat kurz vor seinem Tod erzählt, dass er von Angehörigen der pro-iranischen Miliz Kata'ib Hisbollah bedroht wurde. Und alles deutet daraufhin, dass sie dahinterstecken, auch bei Reham und Tahsen. Dieselbe Strategie, dieselbe Vorgeschichte. Gewalt beginnt im Irak mit einem Wort der Verleumdung. In den sozialen Netzwerken haben Milizen das Sagen, sie streuen Falschinformationen und initiieren Hetzkampagnen. Wer sich im Irak öffentlich gegen den iranischen Einfluss ausspricht, der gilt als Feind, als Verräter, als Zionist, als Amerikaner, nicht als jemand, der eine andere Meinung vertritt. Wir haben seit 2006 ein großes Problem mit Hassrede im Irak, die gezielt von Iran-treuen Milizen und Medien gesteuert wird. Sie richtet sich gegen religiöse Minderheiten wie Christen, von denen viele das Land verlassen haben, aber sie wird auch gezielt zwischen Sunniten und Schiiten geschürt. Mittlerweile gehören solche Mordfälle zur Normalität, in fast allen irakischen Großstädten.

Menschenrechtsaktivist Ali Al Mikdam

Menschenrechtsaktivist Ali Al Mikdam: der 21-Jährige Iraker lebt heute in der Türkei.

(Foto: privat)

Seit wann ist diese Entwicklung im Irak zu beobachten?

Das erste prominente Opfer in dieser Reihe war der irakische Radiomoderator Hadi al-Mahdi, der 2011 in seiner Wohnung in Bagdad ermordet wurde. Er nahm aktiv an den Protesten während des Arabischen Frühlings teil und rief zu friedlichen Demonstrationen gegen die Regierung auf. Außerdem galt er als mutige Stimme gegen den iranischen Einfluss im Land und gegen die Regierung von Nuri al-Maliki, der als Freund der Iraner die Sunniten im Land systematisch ausgegrenzt hat. Jeder Iraker weiß, dass Hadi von Maliki-treuen Milizen ermordet wurde.

Die Schiiten-Miliz Haschd al-Schaabi entstand 2014, um die Terrororganisation IS zu bekämpfen. Als paramilitärische Dachorganisation vereint sie über 40 verschiedene schiitische Milizen. Mittlerweile ist sie Teil der irakischen Armee. Der getötete IS-Experte al-Hashimi hat sich zuletzt mit dem Innenleben dieser Organisation beschäftigt. Er beschrieb sie als Staat im Staate. Wie würden Sie diese beschreiben?

Tagsüber zeigen sie sich als Männer des Staates, die das Gesetz achten. Aber nachts sind sie Milizionäre, die nicht mehr im Namen des irakischen Staates handeln, sondern dem Befehl aus Teheran folgen. Das Problem ist, dass die Milizen Informationen über den irakischen Sicherheitsapparat sammeln können, inklusive Detailwissen über den Zustand der Armee, der Polizei und der Terrorismusbekämpfung, während - vor allem Katai'b Hisbollah - auf strenge Geheimhaltung achtet. Für den irakischen Staat ist sie eine Black Box, sie wissen nicht, welche Waffen sie zur Verfügung haben, welche Namen dahinter stecken. Während die Milizionäre fleißig Daten sammeln, auch über Offiziere und deren Wohnorte, die sie dann einschüchtern können.

Wie drohen diese Milizen, wie gehen sie vor?

Mir wurde damals eine eindeutige Nachricht ins Zelt auf dem Tahrirplatz geschickt. Eine Kugel, eingewickelt in Papier. Wenn ich meinen Mund nicht halte, werden sie mich finden und töten, das war die Botschaft. Was sie uns allen damit sagen wollen, ist: dein Leben ist so viel wert wie eine Kugel. Also 1500 irakische Dinar (umgerechnet ein Euro). Aber in all dem steckt auch eine klare politische Botschaft.

Welche?

Die Milizen sagen: Liebe Regierung, wenn ihr versucht, eure Gesetze auf uns anzuwenden oder eure Waffen gegen uns zu richten, dann sorgen wir für Chaos im Land. Wir töten Aktivisten, entführen Ausländer, attackieren diplomatische Vertretungen und zerstören damit euer Ansehen auf der internationalen Bühne.

Sie spielen auf die Entführung von Hella Mewis an? Die deutschen Kuratorin wurde Ende Juli in Bagdad entführt und wenige Tage später freigelassen.

Ganz genau. So geht die pro-iranische Schiitenmiliz Kata'ib Hisbollah vor, wenn sie Druck auf die Regierung ausüben möchte.

Also würden Sie sagen, die irakische Regierung ist der Macht der Milizen nicht gewachsen?

Sie versuchen es, aber nicht in dem Maße, in dem sie es müssten. Premierminister Mustafa al-Kadhimi ordnete Ende Juni eine Razzia im Büro von Kataib Hisbollah in al-Dora im Süden Bagdads an und ließ 13 Milizionäre verhaften. Er warf ihnen vor, Anschläge gegen militärische Einrichtungen zu verüben. Und was ist dann passiert? Schwer bewaffnet fuhr die Miliz in der Grünen Zone vor. Wenige Tage später waren fast alle Milizionäre wieder auf freiem Fuß. Und aus sicheren Quellen weiß ich, dass der letzte Milizionär im Austausch mit Hella Mewis freigelassen wurde.

Ist die Regierung zu früh eingeknickt?

Ja. Der Kampf gegen die Milizen wird nicht einfach, aber es kann doch nicht sein, dass der Staat so vorgeführt wird. Es war ein mutiger Schritt von al-Kadhimi, aber er hat es mit der Angst zu tun bekommen. Und seitdem hat er den Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Die Menschen haben gesehen, dass al-Kadhimi nicht derjenige ist, der Entscheidungen trifft.

Glauben Sie, dass sich die Protestbewegung der letzten Monate davon abschrecken lassen wird?

Unterdrückte Wut ist wie eine tickende Zeitbombe. Ich glaube, dass die Oktoberrevolution 2020 weitergehen wird. Immerhin blieben alle Probleme ungelöst: Die schlechte Gesundheitsversorgung, die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption. Und die jüngste Mordserie wird diese Wut nur noch weiter entfachen, wie wir in den vergangenen Tagen gesehen haben. Die Menschen gehen auf die Straße und fordern lückenlose Aufklärung. Die Jugend weiß, dass sich das Land ändern muss. Aber derzeit ist der Zustand des Iraks wie der eines Leichnams, alle versuchen ihn aufzurichten, ihn zu parfümieren, ihn wiederzubeleben. Aber am Ende ist es ein toter Körper, der beerdigt werden muss.

© SZ.de/lalse

Nahost
:Mordserie an Aktivisten erschüttert den Irak

Bei den Terroranschlägen sterben junge Menschen, die Partei- und Religionsgrenzen überwinden wollen. Als Täter stehen von Iran bezahlte Milizen im Verdacht.

Von Dunja Ramadan
Zur SZ-Startseite