bedeckt München
vgwortpixel

Irak:Die Angst vor den IS-Schläfern

Viele Menschen befürchten, dass die Terrormiliz IS wiedererstarkt. Es soll einen neuen Anführer geben.

IS-Terroristen stürmen den irakischen Grenzposten al-Walid zu Syrien und verletzen vier Sicherheitskräfte schwer, ein Offizier stirbt: eine von vielen Nachrichten im Irak vergangene Woche. Große Schlagzeilen machen die Dschihadisten damit nicht mehr. Aber den meisten Irakern machen solche Meldungen Angst. Vor allem nach der unsicheren Lage, in der sich das Land befindet seit der Tötung des iranischen Generals Qassim Soleimani Anfang Januar durch eine US-Drohne. Soleimani galt als führender Stratege im Kampf gegen die Miliz - im IS-Magazin Al-Naba wird sein Tod als "Rache Gottes für die Gläubigen" gefeiert. Seit Mitte Oktober schwören Anhänger Rache für den IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, der bei einem Einsatz der USA getötet wurde.

Schläferzellen der Terrormiliz, die einst Gebiete im West- und Nordirak sowie weite Teile Syriens unter ihre Kontrolle gebracht hatten, verüben immer wieder Anschläge im Land. Etwa 14 000 bis 18 000 Kämpfer werden noch im Irak vermutet. Nun haben sie laut der britischen Zeitung The Guardian, die sich auf zwei Geheimdienste beruft, einen neuen Anführer. Anders als bisher angenommen, handelt es sich bei Abu Ibrahim al-Haschimi al-Kuraischi, wie die Miliz ihren neuen Chef kurz nach Baghdadis Tod nannte, nicht um einen Unbekannten. Der Mann heißt richtig Amir Muhammad Abdul Rahman al-Mawli al-Salbi und ist Gründungsmitglied der Miliz. Er soll Baghdadi bereits in amerikanischer Militärgefangenschaft im berüchtigten Gefängnis Bucca kennengelernt haben und ist wie sein Vorgänger studierter Theologe. Al-Salbi, der im nordwestirakischen Tal Afar geboren wurde, soll aus einer turkmenischen Familie stammen. Er wäre damit einer der wenigen in der Führungsriege, die nicht arabischer Herkunft sind.

Nun warnen Experten vor einer möglichen Rückkehr des IS - vor allem nach der Forderung des irakischen Parlaments, alle ausländischen Truppen abzuziehen. Die Ausbildungsmission der Bundeswehr im Irak wurde unterbrochen, auch die Anti-IS-Koalition setzt ihren Einsatz für einige Zeit aus. Am Rande des Treffens in Davos sprachen Iraks Präsident Barham Salih und US-Präsident Donald Trump am Mittwoch über eine mögliche Truppenreduzierung. "Es könnte keinen besseren Zeitpunkt für IS-Anhänger geben, als jetzt, aus ihren Löchern zu kriechen", sagt eine Universitätsprofessorin aus Bagdad, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Derzeit geraten Aktivisten und Journalisten ins Fadenkreuz von Milizen. Vor einigen Tagen wurden in Basra zwei Reporter getötet.

Die Professorin arbeitet als Menschenrechtsbeauftragte in Zeltlagern, in denen Tausende IS-Angehörige unter prekären Bedingungen leben. Zurück in ihre Heimatstädte können sie nicht; teils sind ihre Häuser zerstört, sie müssen mit Racheakten aus der Bevölkerung rechnen. Hunderte Kinder wachsen dort ohne Perspektive auf, dafür mit einer gehörigen Portion Gehirnwäsche. Die Professorin nennt sie "tickende Zeitbomben" und fordert ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Bislang habe die Regierung diese Menschen ausgeblendet, nun sei ihr Schwebezustand noch gefährlicher.

Die 52-Jährige wohnt nahe des Flughafens von Bagdad; den Anschlag auf Soleimani hörte sie, als sie gerade mit ihren Eltern beisammensaß. Ihr erster Gedanke war: "Das könnte alles verändern." Die Stimmung im Land habe sich seitdem verschlechtert, erzählt sie. "Im Ausland reden alle über die USA und Iran. Aber was ist mit uns Irakern? Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, verabschiedet sich meine Mutter von mir, als wäre es für immer." Noch vor einem halben Jahr klang die Stimme der Professorin entspannt. Sie erzählte vom zurückkehrenden Gefühl der Sicherheit. Da öffneten die Behörden gerade die hochgradig gesicherte Grüne Zone, in denen sich Botschaften befinden, für die Öffentlichkeit - zum ersten Mal seit 16 Jahren. Doch nun sei davon nichts mehr übrig.

Auch die konfessionelle Spaltung im Irak habe sich nach der Tötung des Generals verschärft, sagt die Professorin. Zwar zeigen die seit Oktober andauernden Massenproteste ein Bild der Einigkeit; Sunniten, Schiiten und Kurden - alle gehen auf die Straßen. Doch der jüngste Parlamentsbeschluss zum Abzug ausländischer Truppen birgt neues Spaltungspotenzial. Das Parlament war an jenem Tag nicht vollständig, der sunnitische Parlamentssprecher Mohammed al-Halbusi sagte vor laufender Kamera: "Heute sind nur schiitische Abgeordnete anwesend." Er erntete wütende Gegenrede und sprach etwas lauter ins Mikro: "Ich hatte gehofft, dass dies eine irakische Entscheidung sein würde."

Der Clip verbreitete sich im Netz, die meisten Iraker reagierten mit Hohn - denn die mehrheitlich schiitischen Parlamentarier fordern in dem Beschluss zwar den Abzug aller ausländischen Truppen, pflegen aber enge Kontakte zu Iran, auch Al-Halbusi. Proiranische Milizen dominieren längst den irakischen Sicherheitsapparat. "Viele Sunniten fühlen sich wieder in die Ecke gedrängt", sagt die Professorin. "Und der IS hat es schon einmal geschafft, dieses Frustrationsgefühl aufzufangen."

Einige Studenten sprächen sogar davon, dass die IS-Herrschaft gar nicht so schlimm gewesen sei. Das sei schlimm, aber: "Viele junge Leute hatten noch nie das Gefühl, Bürger ihres Landes zu sein. Seit sie denken können, herrscht Krieg, ausländische Mächte kämpfen in ihrer Heimat um Einfluss." Sie hofft, die Truppen der Anti-IS-Koalition bleiben; sie seien wichtig, um irakische Sicherheitskräfte auszubilden. "Eigentlich bin ich für den Slogan: Irak den Irakern. Aber wir sind noch nicht so weit. Der IS kann jederzeit wieder auftauchen."

© SZ vom 23.01.2020
Zur SZ-Startseite