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Interview mit Bamberger Erzbischof Schick:"Sexualität ist von Gott geschenkt"

Immer wieder fällt der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick mit ungewöhnlichen Vorstößen auf. Im SZ-Interview spricht er über das kontroverse Papst-Titelbild der Satirezeitschrift "Titanic", erklärt das Betreuungsgeld zu einem Akt der Gerechtigkeit - und begründet, warum die katholische Kirche nicht "leibfeindlich" sei.

Morgens um fünf kann man am Bamberger Domberg einen schmalen 62-jährigen Mann sehen, der durch die Straßen der Altstadt joggt: Fünf, sechs Kilometer, sagt Erzbischof Ludwig Schick, dann ist der Kopf frei fürs Wesentliche des Tages. Schick stammt aus Marburg, er lehrte Kirchenrecht, war in Fulda Weihbischof unter Johannes Dyba. Seit zehn Jahren ist er Bamberger Erzbischof. Immer wieder unternimmt er ungewöhnliche Vorstöße - und will sogar über das Zölibat nachdenken. Gleichzeitig tritt er aber auch für die Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen ein. Kürzlich erklärte er die Urteile des Hochstifts Bamberg gegen angebliche Hexen für "null und nichtig".

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, hier auf einem Bild von 2010.

(Foto: dpa)

Süddeutsche Zeitung: Herr Erzbischof, darf man über Jesus lachen?

Ludwig Schick: Man kann mit Jesus lachen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Lachen und Verlachen. Wenn ich jemanden verlache und verhöhne, mache ich ihn verächtlich. Ich verletze ihn in der Seele, das will Jesus nicht.

SZ: Ist Gott überhaupt zu beleidigen? Und wenn nein, sind dann nicht alle Blasphemie-Gesetze sinnlos?

Schick: Gott ist nicht zu beleidigen - aber der Spott über ihn verletzt diejenigen, die an ihn glauben. Der Blasphemie-Paragraf im Strafgesetzbuch soll davor schützen, dieses Gesetz ist in der Praxis jedoch fast bedeutungslos geworden und kommt kaum zur Anwendung. Es geht aber um mehr als einen Paragrafen, nämlich darum, dass wir den Charakter unserer Gesellschaft verteidigen. Zu Toleranz und Pluralität gehört, dass man die achtet und respektiert, die anders sind als man selbst. Die Frage ist doch: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, wo der Umgang von Verachtung geprägt ist? Ich möchte das nicht.

SZ: Der Papst hat im Streit mit dem Satire-Magazin "Titanic" nachgegeben, das ihn mit gelb befleckter Soutane zeigte. Geschah der Verzicht auf juristische Schritte aus Klugheit? Aus Furcht?

Schick: Ich bin in das juristische Verfahren im Einzelnen nicht eingebunden und kann daher zu den Details nichts sagen. Menschen und Dinge, die unseren Nächsten heilig sind, sollen andere nicht in den Schmutz ziehen und verspotten dürfen. Für uns Katholiken ist der Papst der Stellvertreter Christi auf Erden. Wenn er und unser Glaube verhöhnt werden, verletzt das unsere Seele und damit unsere Menschenwürde.

SZ: Der Spott zeigt auch, dass die Rolle der Religionen in der Öffentlichkeit zunehmend bestritten wird. Wie reagieren Sie darauf?

Schick: Wir werden uns nicht beleidigt zurückziehen, sondern uns auf unsere Aufgaben konzentrieren.

SZ: Derzeit erhitzt die Debatte um religiöse Beschneidungen die Gemüter. Ist es richtig, religiöse Rituale zu hinterfragen?

Schick: Man kann darüber nachdenken, sie zu modifizieren. Wenn es Wege gibt, die Beschneidung schmerzfrei zu machen, ist das ein Fortschritt. Aber die Praxis selbst kann nicht infrage gestellt werden. Seit Tausenden Jahren gehört die Beschneidung für Juden zum Wesen ihrer Religion, bei den Muslimen ist das ähnlich. Das kann man nicht einfach verbieten.

SZ: Die Muslime wünschen sich, dass ihre Feiertage respektiert werden. Hamburg hat einen entsprechenden Vertrag geschlossen - ein Modell für andere Länder?

Schick: Ich denke, dass auch andere Religionen die Möglichkeit haben sollten, ihre Feiertage zu feiern. Es ist gut, wenn dafür gesetzliche Möglichkeiten etwa für die Freistellung von Arbeit und Schule geschaffen werden. Aber auch hier geht es um Grundsätzliches: Die Problematik berührt die Frage, wie viel Religion eine Gesellschaft noch braucht. Sie braucht die Religion. Wir Christen sollen Gottes Wort verkünden, damit die Gesellschaft sich nicht selbst zu Gott macht. Und dann ist es vor allem die Fürsorge, die Nächstenliebe. Christen sollen den Menschen nahe sein und Partei für die Schwachen ergreifen.