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Interview:"Die Opfer trifft keine Schuld"

Julia-Vivian Liebe berät ehrenamtlich junge Opfer von Cybermobbing. Nach missbräuchlich verwendeten Bildern sind Hassnachrichten der zweithäufigste Grund, weshalb sich junge Leute an sie wenden.

(Foto: Julia-Vivian Liebe)

Während der Schulschließungen aufgrund von Corona hat Mobbing im Internet zugenommen.

Von Matthias Kreienbrink

Julia-Vivian Liebe ist 21 und arbeitet ehrenamtlich als Scout bei der Cybermobbing-Hilfe Juuuport, einer Online-Beratung von jungen Menschen für junge Menschen, die bei Problemen im Web hilft.

SZ: Frau Liebe, wie sind Sie dazu gekommen, sich ehrenamtlich gegen Cybermobbing zu engagieren?

Julia-Vivian Liebe: Seit 2016 engagiere ich mich bei Juuuport, damals war ich 17 Jahre alt. An meiner Schule habe ich einen Kurs zur Mediatorin gemacht, und in einer Fortbildung ging es um das Thema Online-Beratung. Das hat mein Interesse geweckt, und ich habe bei Juuuport dann einfach eine Anfrage gestellt, wie ich mithelfen kann. Auch wenn ich selbst keine krassen Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht habe, wusste ich, wie weit verbreitet das Thema ist. Auch Freunde und Freundinnen von mir waren betroffen. Also wollte ich etwas tun.

Wie sieht der Alltag in einer solchen Beratung aus?

Wir können uns die Zeit sehr gut selbst einteilen, denn es findet alles online statt. Es gibt zwei Möglichkeiten, uns zu kontaktieren: über ein Formular auf der Website oder über Whatsapp. Für Letzteres haben wir feste Beratungszeiten, Montag bis Freitag von 18 bis 20 Uhr. Wir Scouts rufen diese Nachrichten über spezielle Programme ab und beantworten sie nach und nach. Es gibt Wochen, in denen ich viele Stunden in das Ehrenamt investiere und dann wieder welche, etwa wenn ich Klausuren schreiben muss - ich studiere inzwischen Soziale Arbeit - , in denen ich mich zurückziehe.

Mit welchen Problemen wenden sich die meisten Menschen an Sie?

Gut 70 Prozent der Nachrichten drehen sich ums Cybermobbing. Davon handeln die meisten von missbräuchlich verwendeten Bildern. Etwa freizügige Fotos, die eigentlich für den Partner oder die Partnerin bestimmt waren und dann im Internet landen. Oder unvorteilhafte Fotos, die auf Instagram oder in Whatsapp-Gruppen geteilt werden, um jemanden bloßzustellen. Der zweithäufigste Grund sind Hassnachrichten. Konstante Beleidigungen in den sozialen Medien, unter denen die Opfer sehr leiden. Wir merken, dass das während der Corona-Zeit noch zugenommen hat. Die Leute haben mehr Zeit. Und einige nutzen diese, um anderen Menschen Leid zuzufügen. Besonders als die Schulen geschlossen hatten, hat sich das Mobbing verstärkt ins Internet verlagert. Das ist für Opfer besonders schlimm, da sie dann auch zu Hause keinen sicheren Ort mehr haben.

Fassen alle Menschen, die sich an Sie wenden, direkt Vertrauen?

Oft sind die ersten Nachrichten von jemandem eher zaghaft. Man will wissen, ob da wirklich jemand am anderen Ende der Leitung ist und wir überhaupt helfen können. Bevor ich auf Hilfen hinweise oder praktische Tipps gebe, ist es mir darum auch wichtig, erst einmal klarzumachen, dass ich zuhöre, die Person verstehe, sie ernst nehme. Denn nicht wenige suchen die Schuld erst mal bei sich, denken, sie hätten etwas falsch gemacht und würden deswegen gemobbt. Meistens sind das Personen im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren. Der erste Schritt für mich ist es also, Vertrauen aufzubauen und die Menschen darin zu stärken, dass sie keine Schuld trifft und es richtig ist, dass sie Hilfe suchen.

Welche ersten Schritte empfehlen Sie den Betroffenen, die sich an Sie wenden?

Nachdem ich erst mal Empathie gezeigt habe, versuche ich, je nach Fall, ein paar Fragen zu stellen. Wenn es etwa um das missbräuchliche Verbreiten von Nacktfotos geht, ist da ein großer Unterschied, ob die Betroffene zwölf oder 18 ist. Ebenso kann es wichtig sein zu erfahren, ob die Person schon mit anderen Menschen darüber gesprochen hat. Mir ist es wichtig, diese Fragen aber nicht fordernd zu stellen. Anstatt ,Sag mir' frage ich ,Magst du mir sagen?'. Denn auf so eine Frage kann die Antwort auch einfach sein: nein. Und dann frage ich nicht weiter nach. Nachdem ich also ein paar Informationen von einer Person bekommen habe, drehen sich die ersten Schritte meist darum, auf Hilfsangebote in ihrer Umgebung hinzuweisen. Geht die Person noch zur Schule, kann es etwa der Verweis auf Schulsozialarbeiter sein - und das Versprechen, dass die genauso einer Schweigepflicht unterliegen wie ich. Oder aber die Ermutigung, mit Freunden oder der Familie über das Problem zu sprechen. Natürlich leiten wir aber auch an andere Hilfsorganisationen weiter, vermitteln Kontakte zu lokalen Einrichtungen oder geben Tipps dazu, wie Beweise gesichert werden können oder wo man in den Apps die Privatsphäre-Einstellungen findet.

Was muss sich ändern, damit weniger Kinder und Jugendliche von Cybermobbing betroffen sind?

Als ich noch in der Schule war, hatten wir einen Fall von einem Nacktbild, das missbräuchlich in den sozialen Medien geteilt wurde. Die Lehrer haben darauf so gut wie gar nicht reagiert - sie wussten schlicht nicht, wie sie damit umgehen sollten. "Lösch das Bild doch einfach", war einer der wenigen Ratschläge. Aber das war natürlich nicht möglich. Es muss Ansprechpartner an Schulen geben, Personen, die sich in solchen Fragen auskennen und helfen können. Genauso muss aber auch im Unterricht auf dieses Thema hingewiesen werden. Deutlich machen, dass das ein virales Problem ist und keine Lappalie. Dass Betroffene darunter ernsthaft leiden. Und natürlich: Medienkompetenz. Zum Beispiel mal beibringen, welche Rechte ich an meinen eigenen Bildern habe und was ich unternehmen kann, wenn diese Rechte verletzt werden. Wir müssen damit früh anfangen. Einem Kind ein Smartphone in die Hand zu drücken, ohne die nötigen Kompetenzen mitzugeben - das darf nicht sein.

© SZ vom 27.11.2020
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