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Internet:Im Netz der Populisten

Schnelle Übertragungsraten begünstigen den Aufstieg von Scharfmachern.

Die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich oder die Cinque Stelle in Italien: In vielen Staaten sind in den vergangenen Jahren neue Anti-Establishment-Parteien entstanden, mal eher links, meistens weit rechts. Sozialwissenschaftler rätseln, was hinter dem Aufstieg all der neuen Wutbewegungen steht. Ist es die Sorge um den ökonomischen Wohlstand, die Menschen das Kreuz bei den Populisten und Extremisten machen lässt? Oder spielen eher kulturelle Aspekte eine Rolle, ist die Wahl Ausdruck des Haders vieler Menschen mit dem kosmopolitischen Geschmack der Großstädter und ihren neuen Geschlechternormen?

Die eine Antwort hat die Forschung nicht gefunden und wird sie vielleicht nie finden. Zwei Wissenschaftler lenken in einer im renommierten European Journal of Political Research erschienenen Studie nun aber die Aufmerksamkeit auf eine ungewöhnliche Erklärung: Auch der Ausbau des schnellen Internets könnte den Aufstieg der AfD begünstigt haben, langsames Netz hätte die Populisten gebremst, ein wenig zumindest.

Am Tag, als Donald Trump gewählt wurde, erzählt Max Schaub, Politologe am Wissenschaftszentrum Berlin, sei ihm die Idee zu der Untersuchung gekommen. "Weil Online-Medien für seinen Sieg eine so große Rolle gespielt haben", sagt er. Etablierte Zeitungen und TV-Stationen überzieht Trump mit wütenden Tiraden, zu seinen Anhängern spricht er seit jeher bevorzugt über Twitter. Auch der Erfolg von Cinque-Stelle-Gründer Beppe Grillo begann im Netz, mit einem Politblog. Die Online-Welt ist für Populisten so wichtig, weil sie mit ihren radikalen Positionen und mitunter kruden Theorien in den klassischen Medien eher kritisch erwähnt werden. Und weil sie sich im Netz an den herkömmlichen Instanzen vorbei als Anti-Establishment-Bewegung inszenieren können. "Es ist plausibel, wenn Populisten ihre Kritik am Mainstream bevorzugt über die sozialen Medien verbreiten", sagt Schaub.

Zusammen mit seinem Co-Autor Davide Morisi wertete er Wahlumfragen aus Deutschland und Italien aus. Wer sich vorrangig übers Netz informierte, neigte eher dazu, Populisten zu wählen - entweder die AfD oder in Italien die Cinque Stelle. Die Frage war nun: Suchen die Anhänger dieser Parteien bloß bevorzugt im Netz nach Informationen - oder verschiebt das Internet tatsächlich die politische Einstellung der Menschen?

Die Forscher ordneten den Angaben der Befragten daher Daten zur Netzabdeckung des jeweiligen Ortes zu - in beiden Ländern sind die regionalen Unterschiede groß. Und siehe: Wo es bereits schnelles Internet gab, nutzten es mehr Menschen, um sich politisch zu informieren - und mehr von ihnen machten anschließend ihr Kreuz bei populistischen Parteien. Deren Wahlergebnisse verbessern sich mit der Übertragungsrate im Kabel - wenn auch in moderatem Ausmaß.

Und nun? Den Breitband-Ausbau stoppen, zurück zum ISDN-Modem? Das wäre der falsche Schluss, findet Schaub. "Aber die anderen Parteien sollten das Netz nicht kampflos den Populisten überlassen." Bei Facebook folgen der AfD derzeit mehr als 500 000 Abonnenten - das schaffen CDU und SPD nicht mal zusammen.

© SZ vom 20.02.2020
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