Internet:Die Welt, wie Google sie sieht

Lesezeit: 2 min

Regierungen hadern mit Ergebnissen der Suchmaschine.

Von David Pfeifer, Bangkok

Wollte man früher etwas über die Welt wissen, griff man nach dem Diercke-Atlas oder sah den Weltspiegel. Heute lernt man sie durch den Sichtschlitz der Google-Abfrage kennen, zumal in Zeiten, in denen man schwer reisen kann. Und natürlich wird da nicht nur nach Sehenswürdigkeiten gesucht oder nach exotischen Kochrezepten. Das Bild, das man sich von Ländern macht, wird auch dadurch geprägt, was als erstes bei Google auftaucht, wenn man nach ihnen sucht. Dort findet man neben dem Suchbegriff auch Ansteckungszahlen, Reisewarnungen, politische Skandale und Proteste.

Kein Wunder also, dass Google als größte Suchmaschine mit über 90 Prozent Marktanteil jedes Jahr mehr Aufforderungen von Staaten bekommt, Unliebsames zu löschen. Die Anfragen kommen laut dem Konzern aus allen Ländern und Regierungsebenen, und die Gründe reichen von der "Verletzung geistiger Eigentumsrechte" bis zur "Verleumdung". Google veröffentlicht die Daten im Rahmen einer selbstauferlegten Transparenz-Politik. Leider kann man sie nur in Form von Excel-Dateien herunterladen, die so einfach zu überblicken sind wie ein alter Falk-Stadtplan.

Die Firma Surfshark, die VPN-Netzwerke programmiert, mit denen man auch im Ausland sicher im Internet surfen kann, hat die Zahlen nun in schöne, verständliche Farb-Tabellen überführt und als Grafiken in die Welt gesendet. So kam es, dass die Bangkok Post vor ein paar Tagen mit der Meldung aufmachte, dass Thailand auf Rang 16 der Beschwerdeführer gelandet sei. Allerdings weit hinter Russland, der Türkei, Indien und den USA, wie die Bangkok Post weiter schrieb.

Und hier lohnt ein genauerer Blick auf die Gründe, die Google ebenfalls aufführt, und die man als Hinweise deuten könnte auf spezifische Empfindlichkeiten von Staaten. Nach Angaben von Google haben sechs der führenden zehn Länder, darunter Deutschland, "Diffamierung" als häufigsten Grund für eine Sperrung von Beiträgen angegeben.

Thailand allerdings ist in einer Unter-Kategorie sogar Spitzenreiter: 95 Prozent der Beschwerden der Regierung gingen wegen regierungskritischer Beiträge bei Google ein. Daraus kann man noch nicht zwingend ableiten, dass nicht frei gewählte Staatsführungen besonders empfindlich auf frei verfügbare Inhalte im Internet reagieren. Andererseits liegt der kommunistische Einparteien-Staat Vietnam mit etwa 70 Prozent Löschanträgen gegen regierungskritische Beiträge auf Platz zwei hinter Thailand.

Im Gesamt-Ranking allerdings führt Russland (123 6060 Beschwerden seit 2011), vor der Türkei (14 231 ) und Indien (9899). Für Moskau steht die "nationale Sicherheit" an erster Stelle, wenn es um Löschanfragen geht. Wohlgemerkt: die eigene nationale Sicherheit, nicht die von Nachbarstaaten. Aus der Türkei kommen die meisten Beschwerden wegen "Nacktheit oder Obszönität". Indien klagt wegen "Diffamierung". Aus all dem kann man wenig über den Zustand der jeweiligen Gesellschaft schließen, aber ein bisschen was über die Empfindlichkeit der Politikerinnen und Politiker, die sie vertreten. Und natürlich über den Eindruck, den sie in anderen Teilen der Welt hinterlassen.

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