Impfstoffproduktion:Schnelle Reaktion

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Impfstoffproduktion: "Jede mögliche Produktionsstätte muss auf Corona-Impfstoffe umgestellt werden": Eine sterile Abfüllanlage im Sanofi-Werk in Val-de-Reuil bei Rouen.

"Jede mögliche Produktionsstätte muss auf Corona-Impfstoffe umgestellt werden": Eine sterile Abfüllanlage im Sanofi-Werk in Val-de-Reuil bei Rouen.

(Foto: Joel Saget/AFP)

Muss man Pharmakonzerne zur gemeinsamen Vakzin-Herstellung zwingen? Die Unternehmen haben längst mit der Zusammenarbeit begonnen.

Von Elisabeth Dostert

Sie sind sich selten einig, doch in diesem Punkt scheinen sich CSU und Grüne ziemlich nah zu sein. In einem Interview forderte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Wochenende eine "Not-Impfstoffwirtschaft" mit klaren Vorgaben des Staates, um die Zahl der Vakzin-Dosen schnell zu erhöhen. Zur selben Wortschöpfung griff Robert Habeck. Die Regierung dürfe vor verpflichtenden Lizenzvergaben nicht zurückschrecken, verlangte der Grünen-Chef. "Jede mögliche Produktionsstätte muss auf Corona-Impfstoffe umgestellt werden", empfahl auch Manfred Weber, der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament: "Zugelassene Impfstoffe müssen im Notfall auch mit einer Zwangslizenzierung von anderen produziert werden."

Würde das die Herstellung wirklich beschleunigen? Das WTO-Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum, kurz TRIPS, erlaubt Mitgliedsstaaten sogar, Konkurrenten des Patentinhabers Zwangslizenzen einzuräumen. Ganz einfach ist das allerdings nicht. Die Staaten müssen einige Voraussetzungen erfüllen. Sie müssen zuvor mit dem Patentinhaber über eine freiwillige Lizenz verhandelt haben und in einem vernünftigen Zeitraum nicht zu einem Ergebnis gekommen sein. Allein das könnte also die Sache verzögern.

Selbst bei Konkurrenten ist nun die Produktion geplant

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lehnt Zwangslizenzen ab. "Es braucht keine Zwangslizenzen in einem Bereich, wo Unternehmen eigenständig miteinander kooperieren wollen", sagte er am Montag in einer Videokonferenz, die einen weiteren Beleg dafür lieferte, dass die Unternehmen ohnehin kooperieren. Das Tübinger Unternehmen Curevac, an dem der Bund mit knapp einem Fünftel beteiligt ist, und der Leverkusener Konzern Bayer erläuterten, wie sie ihre Zusammenarbeit vertiefen wollen. Bayer will den Curevac-Impfstoff nun auch produzieren und dafür sein "Produktionsnetzwerk einschließlich des eigenen Standortes Wuppertal aktivieren", sagte Pharma-Vorstand Stefan Oelrich. Details nannte er nicht. 2022 plane Bayer, 160 Millionen Dosen des Curevac-Impfstoffes herzustellen. "Der erste Impfstoff ist möglicherweise schon Ende 2021 verfügbar", so Oelrich.

Der Impfstoff von Curevac basiert, so wie das Biontech-Vakzin, auf der Boten-RNA. Bereits vor Monaten, schon während der Entwicklung des Impfstoffes, haben die Firmen begonnen, Produktionskapazitäten zu schaffen. Curevac wolle das auch weiter tun, kündigte Vorstandschef Franz-Werner Haas an. Mit einer Zulassung wird im zweiten Quartal gerechnet. 2022 sollen statt der anfangs geplanten 600 Millionen Dosen eine Milliarde produziert werden, in diesem Jahr bis zu 300 Millionen Dosen. Der Dienstleister Rentschler Biopharma, der bereits mit Biontech zusammenarbeitet, gab am Montag bekannt, auch Kapazitäten für den Impfstoff von Curevac aufzubauen. Am Standort in Laupheim sollen jährlich 100 Millionen Dosen hergestellt werden.

Auch Biontech knüpft sein Netz weiter. Der Schweizer Konzern Novartis wird vom zweiten Quartal an den Impfstoff im Werk Stein abfüllen. Auch der französische Konzern Sanofi soll den Impfstoff von Biontech abfüllen, geplant sind 125 Millionen Dosen. Die ersten Lieferungen sollen vom Sommer an aus dem Sanofi-Werk in Frankfurt erfolgen. In Kürze will Biontech die Produktion im Werk in Marburg aufnehmen, das es im September von Novartis übernommen hatte. 2021 will Biontech insgesamt zwei Milliarden Dosen herstellen.

Die Unternehmen sind längst im Notfallmodus. Der Impfstoff gegen das Coronavirus wurde in Rekordzeit entwickelt. In den vergangenen Monaten haben sie Netze gestrickt. Viele der Firmen, die Impfstoffe in Deutschland produzieren können, sind involviert.

"Das ist keine Brezelbackmaschine."

Und dann sind da noch technische Hürden für mehr Zusammenarbeit der Unternehmen. Die nötigen Produktionskapazitäten habe es bislang nicht gegeben, erläuterte Curevac-Chef Haas. Ihr Aufbau sei ein Prozess, den die Behörden genehmigen müssten und der ein "bestimmtes Equipment erfordert. Das finden Sie auf dem Weltmarkt nicht in der Masse". Die anspruchsvolle Technologie müsse auf die Partnerfirmen übertragen werden. "Das ist keine Brezelbackmaschine", so Haas.

"Ich möchte, dass aus dieser Pandemie heraus Deutschland der Standort auf der Welt für mRNA wird", sagte Spahn, er betonte das "der" unüberhörbar. mRNA biete "wahnsinnig viele Potenziale", auch für die Krebsforschung und andere Bereiche. "Alles, was wir in dieser Pandemie kurzfristig und mittelfristig aufbauen an Forschungs- und Produktionskapazitäten, ist eine Riesen-Investition über die Pandemie hinaus in ein mRNA-Cluster, das in Deutschland entsteht."

Nach fast einer halben Stunde, die Videoschaltung ist fast vorbei, gelang es dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), sein, wie es Spahn nennt, "Mute-Problem" zu lösen. Dank des in NRW beschlossenen "Entfesselungspakets III" sei es möglich, die Produktion in Wuppertal in einem "halbierten Verfahren" möglich zu machen. Das Ende September 2018 beschlossene Paket sieht schnellere Genehmigungsverfahren vor. Die seien auch nötig, um zu dem Standort in der Welt zu werden, der im internationalen Wettbewerb der Pharma- und Biotechindustrie mithalten könne. Die öffentliche Debatte sei lange von einer "Skepsis bis Anti-Haltung gegenüber Pharmaunternehmen" geprägt gewesen sei. Er wünsche sich, so Laschet, "dass wir erkennen, wie bedeutsam das ist, in einem solchen Moment nicht von den Weltmärkten alleine abzuhängen, sondern auch autark in Deutschland produzieren zu können".

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