Illegale Geschäfte:Stiller Kapitalismus unterwandert Nordkorea

Das Regime hasst sie, das Regime braucht sie: Illegale kapitalistische Unternehmen stützen Nordkoreas Wirtschaft. Doch nun geht Pjöngjang dagegen vor.

Wolfgang Luef

Der Führer Kim Jong Il soll schwer krank sein. Seine Armee ist im Verhältnis zur Bevölkerung immer noch die größte der Welt. Und an der Atombombe wird angeblich auch gebastelt. Wer sich für Nordkorea interessiert, dem wird im Moment nicht langweilig. Seit Wochen hält sich das Land in den internationalen Schlagzeilen, die Debatte um Krankheit, Nachfolge und Bomben füllt Zeitungen, Websites und Blogs.

Kim Jong Il

Ratlos gegen den grassierenden Kapitalismus: der angeblich krebskranke Kim Jong Il.

(Foto: Foto: dpa)

Die Betreiber der Seite "North Korean Economy Watch" hingegen interessiert in Nordkorea etwas ganz anderes: der Kapitalismus. Den kann man zum Beispiel vom Weltall aus sehen. Unter anderem mit dem kostenlosen Programm "Google Earth" verfolgt eine Gruppe von Bloggern auf www.nkeconwatch.com die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Viel dringt nicht nach draußen über die Wirtschaft in der abgeschotteten Diktatur. Chinesische Websites berichten das eine oder andere Detail, internationale Think-Tanks veröffentlichen Analysen, die staatliche Nachrichtenagentur KCNA bringt vom Regime abgesegnete Jubelmeldungen über die florierende Wirtschaft oder wohldurchdachte Landreformen.

Die Autoren des "North Korean Economy Watch" sammeln solche Berichte, kommentiern sie und versuchen, sie zu verifizieren: Durch den Vergleich von aktuellen und alten Satellitenbildern von Google lässt sich nachvollziehen, wo im Land neue Fabriken entstehen, wo Märkte aufmachen und schließen, wo große Bauprojekte umgesetzt werden und wo im Zuge von Landreformen neue Ackerflächen entstehen.

Ein "Kapitalismus der Basis" rettete die Wirtschaft

Dabei machten die Website-Betreiber auch einige interessante Entdeckungen: "Es sind eine ganze Menge mittelständischer Unternehmen aus dem Boden geschossen", sagte der Gründer Curtis Melvin, Doktorand an der George-Mason-Universität im US-Bundesstaat Virginia, dem Sender CNN. "In den großen Städten und in den kleinen Orten findet man jede Menge Märkte."

Das deckt sich mit den Beobachtungen der Wissenschaft: Andrei Lankov, Professor für nordkoreanische Geschichte in Seoul, fasst die Entwicklung der letzten Jahre in einer aktuellen Publikation zusammen: Nach dem wirtschaftlichen Kollaps in den neunziger Jahren durch den Zusammenbruch der Sowjetunion habe sich in Nordkorea ein "grassroots capitalism" entwickelt, ein Kapitalismus der Basis also. Lankov zufolge habe es eine Art spontane wirtschaftliche Liberalisierung des Landes gegeben, die das Regime geduldet hat.

Schmuggler bringen seit jeher Lebensmittel und andere Konsumgüter über die chinesische Grenze und versorgen damit in Warenhäusern oder auf dem Schwarzmarkt die Bevölkerung. An den Rändern der großen Städte entstanden ganze Geschäftsviertel mit Restaurants, Geschäften, Videotheken und sogar Bus-Unternehmen.

Das Regime verdiente stets mit, schreibt Lankov: Pjöngjangs Statthalter in den Provinzen verkauften Reisegenehmigungen an Geschäftsleute und ließen sich von ihnen bestechen, damit sie angesichts der boomenden Geschäfte ein Auge zudrückten - denn selbständiges Wirtschaften war damals in Nordkorea ausdrücklich illegal.

"Entweder man macht Geschäfte, oder man stirbt."

So sei ein riesiger Wirtschaftszweig erwachsen - Wirtschaftsforscher gehen laut CNN davon aus, dass die Hälfte des Einkommens der Gesamtbevölkerung auf diesem Schwarzmarkt entsteht. Lankov zitiert sogar eine Studie, wonach 78 Prozent des Einkommens über diese "informelle Wirtschaft" zustande kommen. Einer amtlichen chinesischen Statistik zufolge sind alleine im Jahr 2006 350.000 DVD-Player nach Nordkorea exportiert worden - keiner davon legal. Lankov zitiert dazu einen populären nordkoreanischen Witz: "Es gibt nur zwei Sorten von Menschen in Nordkorea: Jene, die Geschäfte machen und jene die sterben."

Die nordkoreanische Führung scheint nun ratlos angesichts des stillen - und mittlerweile unverzichtbaren - Kapitalismus im eigenen Land. Noch im Jahr 2002 hat das Regime mitteilen lassen, die privaten Warenhäuser seien von nun an legal. Jetzt häufen sich allerdings wieder Berichte über Zwangsschließungen von Geschäften und gezielte Jagden auf Warenschmuggler. Die relativ stabile Entwicklung der nordkoreanischen Wirtschaft erlaube es dem Regime, wieder härter gegen kapitalistische Umtriebe durchzugreifen, erklärt der Geschichtsprofessor Lankov.

Handybesitzer wurden öffentlich erschossen

Ähnlich widersprüchlich hat sich Pjöngjang bei der Zulassung der Handy-Telefonie verhalten. 2002 wurde ein Netz eingerichtet, das Handy wurde binnen kürzester Zeit zum Statussymbol. Für viele Beobachter war das damals ein Zeichen, dass Nordkorea langsame Liberalisierungen zulasse. 2004 folgte der Rückzieher: Das Netz wurde abgeschalten, Handys verboten, laut Medienberichten wurden sogar einige Handy-Besitzer öffentlich erschossen, um die Bevölkerung abzuschrecken.

Für den Historiker Lankov ist klar: Wenn sich das Regime nun auch bei der Bekämpfung des halblegalen Handels so verhält, zerstört Nordkorea die Grundlage der eigenen Wirtschaft. Auch die Provinzregierungen verdienen vermutlich immer noch gut an den Bestechungsgeldern, meint Website-Betreiber Melvin im CNN-Interview: "Es ist noch nicht klar, in welche Richtung sich das alles entwickeln wird."

Die Betreiber von nkeconwatch.com begleiten die Entwicklung Nordkoreas seit 2007. Die meisten Mitarbeiter haben das Land bereits besucht, der Gründer Melvin zuletzt 2005. "Es war wie in einer Zeitmaschine", sagt er im CNN-Gespräch. Besonders erinnere er sich an die Zäune, die ihm immer wieder den Blick versperrten. Wie die meisten westlichen Nordkorea-Besucher habe er nur das gesehen, was das Regime ihm zeigen wollte. Dank freier Satellitenbilder sei das nun anders: "Jetzt können wir über den Zaun schauen und sehen, was wirklich los ist."

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