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Horst Seehofer:Standhaft, bis zum Umfallen

Im Streit mit der "taz" hat der Innenminister nun doch noch auf den rechten Weg gefunden.

Von Stefan Braun

Es gibt Nobelpreise für Literatur, für Medizin und für den Weltfrieden. Sie zu ergattern dürfte Horst Seehofer auf ewig versperrt bleiben. Gäbe es indes einen für Beweglichkeit in Notzeiten, dann hätte der Bundesinnenminister beste Chancen. Dass er nach Tagen des Zögerns und Schweigens seine Klage gegen eine Journalistin beerdigt hat, ist nicht nur klug und vernünftig. Es zeugt auch von einer Flexibilität, die keiner so draufhat wie der Ex-CSU-Chef.

Überraschen kann das nicht mehr. Zu oft ist Seehofer lauthals in eine Schlacht gezogen, hat sich dabei mächtig auf die Brust getrommelt und ist dann mit hohem Tempo Richtung Betonwand gelaufen, bis nur noch eine waghalsige Kurve den Crash verhinderte. Das war im Duell mit Angela Merkel während der Flüchtlingskrise so, es war im Konflikt mit Markus Söder um die Nachfolge nicht anders. Keiner ist so standfest, bis er umfällt.

Dabei kann man immerhin festhalten, dass das bei ihm meistens mit einer klügeren Lösung einhergeht. Hätte er wie angedroht gegen die Flüchtlingspolitik geklagt, dann hätte der Sieger AfD geheißen. Hätte er jetzt die Klage durchgezogen, dann hätte es für alle nur ein Thema gegeben: die Beschneidung der Pressefreiheit. Umfallen also ist nicht per se schlecht, vor allem dann nicht, wenn es einen auf den besseren Weg führt.

© SZ vom 26.06.2020
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