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Home-Office:Eine wichtige Geste

Hubertus Heils Gesetz zum Home-Office wäre eine Chance, völlig veraltete Verordnungen neu zu diskutieren - und darüber hinaus auch eine wichtige Geste für die Arbeitnehmer.

Von Nina von Hardenberg

Zu den angenehmen Nebeneffekten der Corona-Krise gehört selbständiges Arbeiten. Den Arbeitsplatz nach Hause zu verlegen, sei in ihrem Job technisch und von den Abläufen her nicht möglich, gaben vor der Krise die meisten Arbeitnehmer und Arbeitgeber an - und wurden dann oft selbst überrascht, wie gut sie miteinander arbeiten konnten, ohne morgens am Konferenztisch zu sitzen. Manch ein skeptischer Chef musste anerkennen, dass die Mitarbeiter auch dann noch fleißig waren, wenn ihnen niemand über die Schulter blickte. Die Pandemie war und ist ein gigantisches Lernprojekt für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen.

Es ist daher völlig übertrieben, wenn die Union jetzt vor dem von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angeregten Recht auf 24 Tage mobiles Arbeiten im Jahr warnt. Denn ja, es geht hier um einen "tiefen Eingriff in die Arbeitsabläufe der Unternehmen", wie der CSU-Arbeitsmarktexperte Stephan Stracke poltert. Doch dieser Eingriff ist schon längst passiert, Corona hat ihn erzwungen. Der nun diskutierte gesetzliche Anspruch, den Arbeitgeber dem Entwurf zufolge ja sogar aus betrieblichen oder organisatorischen Grünen ablehnen können, ist darum vor allem eines: eine wichtige Geste, die die Leistungen der vergangenen Monate anerkennt. Einen Kulturwandel wird ein derartiges Gesetz nicht bewirken. Der ist nämlich schon da.

In diesem Sommer arbeiteten Umfragen zufolge 36 Prozent der Arbeitnehmer von zu Hause, sehr viele von ihnen fast ausschließlich und mit großer Zufriedenheit. Für die Zufriedenheit im Job ist das Gefühl, autonom arbeiten zu können, entscheidend. Offensichtlich gehört dazu auch die Freiheit zu entscheiden, wo man den Laptop aufbaut und ob man das Kind zwischen zwei Calls schnell vom Fußball abholt. Menschen, die diese Freiheit erlebt haben, werden Home-Office auch künftig einfordern. Vermutlich könnten sie das auch ohne Gesetz bewirken, denn viele der heutigen Heimarbeiter sind gesuchte Fachkräfte, die Bedingungen für ihr Arbeiten stellen und durchsetzen können. Allein deswegen werden es viele Firmen gewähren: Statt der im Büro verbrachten Zeit zählt in wirklich modernen Unternehmen sowieso der Output, nicht die Stechuhr.

Fast wichtiger als der Rechtsanspruch ist deshalb ein anderer Vorschlag des Arbeitsministers: Er möchte, dass die Arbeitszeiten im Home-Office genauer dokumentiert werden, damit auch dort irgendwann Feierabend ist. Der Minister wagt sich damit an die Frage der Arbeitszeiten, die tatsächlich umfassend neu geregelt gehört. Heimarbeit findet derzeit oft in einer rechtlichen Grauzone statt, wie die FDP zu Recht moniert. So gilt das Arbeitszeitgesetz von 1994, einer Zeit, in der manche Telefone noch Wählscheiben hatten. Wer abends eine dienstliche E-Mail liest, muss demnach zehn Stunden Ruhezeit einhalten, bis er wieder arbeiten darf. Auch die noch gültigen Vorgaben für Lichteinfall und Stuhlhöhe sind einer Realität völlig fern, in der Heimarbeiter sich auch gerne mal in den Garten setzen. Wie kann der Arbeitgeber die Gesundheit der Mitarbeiter sicher stellen? Wie kann man künftig flexibel arbeiten, ohne sich zu überarbeiten? Die Verordnungen sind veraltet, die dahinterliegenden Fragen hochaktuell. Ein Gesetz zur gesellschaftlichen Realität Home-Office bietet die Chance, sie endlich neu zu diskutieren.

© SZ vom 06.10.2020
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