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Hochschulen:Germania clausus

Die Visa-Vergabe an Studierende aus dem Ausland bricht drastisch ein. Die Ursache liegt in der schleppenden Bearbeitung.

Von Bernd Kramer, Hamburg

Menschen aus dem Ausland haben derzeit größere Problem, zum Studium nach Deutschland zu kommen. Die Zahl der für Studienzwecke vergebenen Visa brach zuletzt drastisch ein, wie aus einer Aufstellung des Auswärtigen Amtes hervorgeht, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Zwischen April und Juni bekamen 354 Männer und Frauen aus Ländern außerhalb der EU ein Studierendenvisum. Sonst sind es mehr als 10 000 pro Quartal, in den Monaten kurz vor Beginn eines Wintersemesters steigt die Zahl der erteilten Studierendenvisa auf mehr als 30000. Das Auswärtige Amt erklärt den Rückgang unter anderem damit, dass viele Herkunftsländer ihren Staatsangehörigen wegen der Corona-Pandemie die Ausreise erschwert hätten. "Der erdrutschartige Einbruch von Studierendenvisa ist nicht allein mit Ausreisebeschränkungen der Herkunftsländer zu erklären", meint dagegen die Linken-Abgeordnete Nicole Gohlke, die die Zahlen erfragt hatte.

Tatsächlich stehen internationale Bewerberinnen und Bewerber derzeit vor verschiedenen Problemen. So hakt es beim Verein Uni-Assist, der im Auftrag vieler Hochschulen ausländische Zeugnisse prüft. Im März rechnete der Verein mit bis zu 70 Prozent weniger Bewerbungen wegen Corona - eine Schätzung, die sich inzwischen als falsch erwiesen hat. Nun fehlt offenbar das Personal: 103 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten laut Uni-Assist im Moment in der Zeugnisbegutachtung, vor einem Jahr waren es 126 Personen. Dazu kommen Tarifauseinandersetzungen und Streiks. In E-Mails an die Hochschulen, die der SZ vorliegen, kündigte Uni-Assist zunächst an, "dass die ursprünglichen Bearbeitungsziele nicht länger zu halten sein werden". Im schlimmsten Fall würde die Prüfung bis zum 16. November dauern - also bis nach Vorlesungsbeginn. Uni-Assist sagte der SZ, dass die Bearbeitung "sicher früher" abgeschlossen sein wird.

Auch bei der Visavergabe kommt es derzeit zum Verzug. Eine russische Bewerberin berichtete der SZ, sie habe mehrere Wochen lang versucht, online einen Termin bei der Botschaft in Moskau zu bekommen und sich zwischenzeitlich gesorgt, ob sie rechtzeitig zu Semesterbeginn würde einreisen können. Das Auswärtige Amt bestätigt die Probleme: Viele Visastellen arbeiteten wegen der Pandemie "erheblich eingeschränkt".

© SZ vom 16.09.2020

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