20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica Politiker tun sich schwer, über die Toten der ehemaligen Feinde zu sprechen

Mitten in diesem traurigen Monat trifft sich die Kontaktgruppe. Alle tauschen Sandalen gegen Hausschuhe, jemand stellt einen Aschenbecher auf die Fensterbank, eine andere geht Kaffee machen. Irgendwann nimmt eine ihren Mut zusammen und benennt das Problem des Tages: Die Serbinnen fehlen. Sie haben in letzter Minute abgesagt und sind auf eine Gedenkfeier nach Bratunac gefahren, elf Kilometer von Srebrenica entfernt. Am 12. Juli 1992 haben dort bosnische Muslime aus Srebrenica 69 serbische Zivilisten, Frauen und Kinder umgebracht. Damit der 20. Jahrestag des Genozids ihre Trauer nicht komplett in den Hintergrund drängt, haben die Serben ihren Gedenktag eine Woche vorverlegt. Die anwesende Hälfte der Kontaktgruppe schimpft über die späte Absage und schickt gleichzeitig eine Nachricht an die Serbinnen, in der steht: "Wir fühlen mit euch. Das ist ein sehr trauriger Tag für euch."

Simple Sätze, zu denen sich die wenigsten serbischen, bosnischen oder kroatischen Politiker durchringen können, wenn sie über die Toten der ehemaligen Feinde sprechen. Die Frauen schicken zwischen Tuzla und Srebrenica noch ein paar Emoticons hin und her, Herzen, Tränen, Bären. Auf dem Tisch liegen sieben identische neue weiße Telefone. Ihre kleinen Versöhnungsschritte machen sie inzwischen öffentlich. Die Kontaktgruppe ist auf Facebook und Instagram.

Den Kriegsbildern Alltagsfotos entegegensetzen

Warum? Zunächst, weil eine deutsche Künstlerin sie dazu überredet hat. Im Jahr 2000 brachte die Münchner Fotografin Barbara Hartmann kofferweise Einwegkameras nach Tuzla und Srebrenica. Sie wollte den Kriegsbildern, die aus Bosnien um die Welt gegangen waren, Alltagsfotos entgegensetzen.

Die Frauen fotografierten ihr Leben. So ausdauernd, dass die Kontaktgruppe und die Künstlerin das Projekt 2005 wiederholten und ein Buch und eine Ausstellung entstanden. 2015 beginnt die Fotodokumentation erneut. Dieses Mal live und interaktiv. Unter dem Schlagwort "everydaysrebrenica" veröffentlichen sie Bilder von ihren Blumenbeeten, von ihren Kindern und von Ausflügen. Wie nah Alltag und Schmerz, das Weiterleben und die Narben beieinander liegen, zeigen erst die Bildunterschriften. Und hier liegt die eigentliche Antwort auf das Warum: weil durch die Bilder das Sprechen beginnt.

Mirsada hat ein Foto von einem jungen Mann und seinem Hund gepostet. Darunter steht: "Mein lieber Bruder. Er ist nach Srebrenica zurückgekehrt. Hier ist er zusammen mit seinem besten Freund." Ihr Bruder, sagt Mirsada, vertraut nur noch seinem Hund. Srebrenica ist heute eine Stadt, in der viele der Häuser, in denen früher Muslime lebten, leer stehen. Es ist eine Stadt, in der es keine neutralen Positionen mehr gibt. Die Menschen sitzen in den zwei verbleibenden Cafés zusammen, doch über das, was geschehen ist, spricht kaum jemand.

Eine der serbischen Frauen aus der Kontaktgruppe wartet seit zwanzig Jahren auf die Nachricht, ob ihr Mann tot oder lebendig ist. Er war Muslim. Sie hat ihn seit 1995 nicht mehr gesehen. Es ist eine der muslimischen Frauen, die ihr den Kontakt zu den Forensikern vermittelt, die per DNA-Probe die Leichen identifizieren. Für solche Schicksale ist in den öffentlichen Diskursen kein Platz. Nicht in dieser neuen Gesellschaft, in der die ethnische Zugehörigkeit wie ein Banner vor sich hergetragen wird. Wo Opferzahlen der einen Seite gegen Opferzahlen der anderen Seite aufgerechnet werden.

Die Bilder verlieren ihre Unschuld, als Mirsada sie zu beschreiben beginnt

Beim heutigen Treffen suchen die Frauen Bilder aus der Zeit vor 1995 aus, die sie unter die aktuellen Fotos in ihrem Instagram-Feed mischen wollen. Mirsada zeigt zwei Fotos: ein geschminkter Mann in Frauenkleidern auf einer Bühne und eine Gruppe Menschen am Strand in Badehose und mit Sonnenhut. Die Bilder verlieren ihre Unschuld, als Mirsada sie zu beschreiben beginnt.

Srebrenica Lebenslänglich für das Massaker von Srebrenica
Urteil in Den Haag

Lebenslänglich für das Massaker von Srebrenica

1995 ermordeten bosnisch-serbische Einheiten während des Bosnien-Kriegs Tausende Menschen. Nun bestätigt das UN-Kriegsverbrechertribunal die hohen Haftstrafen gegen mehrere Offiziere. Die Prozesse gegen die Hauptverantwortlichen laufen noch.

Der Mann im bunten Rock ist ihr erster Ehemann, Nijazija, während einer Theateraufführung in Srebrenica, 1994, als der Krieg schon begonnen hatte. Eigentlich studierte er Schauspiel in Belgrad, in Srebrenica war er nur, um in den Semesterferien seine Eltern zu besuchen. Als er sah, unter welchen Bedingungen sie dort während des Krieges lebten, brachte er es nicht übers Herz, wieder zu fahren. Er begann für die UN zu übersetzen. Mirsada arbeitete als Freiwillige im Krankenhaus. Beim Tanzen haben sie sich verliebt. "Ich kannte ihn erst einige Monate, als wir geheiratet haben. Normalerweise hätte ich länger gewartet, aber in einer Stadt mit so vielen Flüchtlingen und Soldaten brauchte ich seinen Schutz." Dann zeigt Mirsada auf das Strandbild: "Das war ein Freund meiner Eltern, mein Grundschullehrer." Als sie ihn das letzte Mal sah, trug er die Uniform der bosnisch-serbischen Armee, er stand daneben, als die Frauen von ihren Männern getrennt wurden.

"In schwierigen Zeiten werden wir nostalgisch. Dann werden Fotos unsere Medizin"

Eine nach der anderen legen die Frauen Fotos aus leichteren Zeiten auf den Tisch. Menschen beim Picknicken, Fußballspielen, Sonnenbaden, Gitarrespielen, Grillen. Als Jasminka an der Reihe ist, bleibt der Tisch leer. Sie ist mit ihrem Mann aus Srebrenica geflohen, noch bevor die Enklave fiel. In ihrem Gepäck hatten Fotos keinen Platz. In Tuzla angekommen, wurden sie in das Haus einer serbischen Familie einquartiert, die ihrerseits in Richtung Republika Srpska geflohen war. Auf dem Fußboden: die Fotoalben, die die Serben zurücklassen mussten. "Da konnte ich zum ersten Mal weinen. Stundenlang. Um diese Familie, und um uns." Es ist still geworden im Raum. Die resolute Timka, die älteste der Gruppe, wischt sich die Augen trocken. Manchmal schieben sich die Erinnerungen wie eine mächtige Welle ins Jetzt. "Ich hätte einfach gern ein Foto, auf dem mein Mann noch jung und gut aussieht", sagt Jasminka. Die Welle ebbt ab, Jasminka lacht.

Am Nachmittag, als die Frauen in Tuzla wieder nach Hause gehen, postet Dubravka aus Srebrenica ein Bild. Ein leerer Kreisverkehr in der Mittagssonne. Dazu der Text: "Heute wenig los in Srebrenica." Kein Wort von der Gedenkfeier in Bratunac, von ihrer Trauer. Lauter könnte dieses Bild nicht schweigen. Und gleichzeitig erzählt es von den Tabus, die seit 20 Jahren bestehen. Von der Gefahr, dass Gedenken provozieren kann. Von der Macht, mit der der Genozid das Zusammenleben prägt. Umso mehr, solange die serbische Seite ihn leugnet und die bosnische Seite alle Serben in Kollektivschuld nimmt. Einen Tag später schickt Dubravka ein neues Bild, eine Collage alter Fotos. Sie schreibt: "In schwierigen Zeiten werden wir nostalgisch. Dann werden Fotos unsere Medizin. Sie erinnern uns an glücklichere Tage und an die, die nicht mehr bei uns sind." Die Frauen in Tuzla klicken: "Gefällt mir".