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Hilfe per Handy:Halb positiv, halb negativ

100 Tage Corona-Warn-App

So sieht eine Warnung in der Corona-App aus. Doch die Meldung bleibt aus, wenn Nutzer nicht auf ein positives Testergebnis reagieren.

(Foto: dpa)

Die Warn-App funktioniert - nur ihre Nutzer reagieren oft nicht wie erhofft.

Von Kristiana Ludwig

Sie sollte ein Mechanismus sein, mit dem sich die Bürger gegenseitig über ihre Coronavirus-Infektion informieren können, selbst dann, wenn sie sich nur flüchtig kennen. So sollte sie das Virus stoppen, noch bevor Covid-19 ausbricht. Die Erwartungen, die auf der Corona-Warn-App ruhten, als die Bundesregierung sie vor etwa drei Monaten veröffentlichte, hätten kaum größer sein können. Am Mittwoch zogen Kanzleramtschef Helge Braun und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) Bilanz - eine eher gemischte Bilanz.

18 Millionen Mal sei die Anwendung bislang heruntergeladen worden. Immerhin. Aber nur 5000 Nutzer hätten anderen Bescheid gegeben, dass sie positiv getestet worden seien. Dies sei lediglich die Hälfte der Menschen, die nach einem positiven Ergebnis auf ein rot leuchtendes Display schauen, sagte Spahn: "Eigentlich wäre es sehr wünschenswert, aus unserer Sicht, wenn man dann den einen Knopf drückt, um die Kontakte, die man gehabt hat, zu informieren." Stattdessen nahmen mehrere Tausend App-Nutzer den Hinweis über ihre eigene Infektion zur Kenntnis - behielten das aber für sich.

Über die Ursache rätseln die Entwickler. Möglich wäre ein psychologischer Effekt. Wenn die Nachricht, dass man selbst das Virus in sich trägt, zum gleichen Zeitpunkt kommt wie die Bitte, diese Diagnose öffentlich preiszugeben, könnte das zu Hemmungen oder Ängsten bei den Menschen führen. Und das, obwohl die App lediglich verschlüsselte Hinweise verschickt. Die Kontaktpersonen können also gar nicht erkennen, wer positiv getestet wurde, sondern nur, dass es eine riskante Begegnung gab.

Zugleich kündigten SAP und die Deutsche Telekom, welche die Software im Auftrag der Bundesregierung erarbeitet haben, an, dass die App im kommenden Monat mit entsprechenden Warnanwendungen in zehn weiteren europäischen Ländern verbunden werden kann. Österreich, Tschechien, Dänemark, Estland, Irland, Italien, Litauen, Niederlande, Polen und Spanien sollen künftig mit der deutschen App kommunizieren können. Helge Braun stellte zudem in Aussicht, dass die Schweiz in den Verbund aufgenommen werde. Länder wie Frankreich, die technisch einen zentralen Ansatz zur Datenspeicherung gewählt haben, könnten dagegen nicht integriert werden. Wenn alles funktioniere, könnten sich Bürger auch über Grenzen hinweg warnen. Jedenfalls dann, wenn sie dazu ihr Einverständnis geben.

Diese grenzüberschreitende Funktion wäre ein besonderer Fortschritt gegenüber den bestehenden Möglichkeiten der Gesundheitsbehörden. Formal können europäische Staaten zwar Informationen über Begegnungen ihrer erkrankten Bürger über ihre nationalen Gesundheitsbehörden austauschen, sagte Spahn. In Deutschland wäre hierfür das Robert-Koch-Institut zuständig. Der Austausch per App sei aber "umso wichtiger", weil die Kommunikation zwischen den Behörden aufwendig sei.

In Zukunft werde die App zudem auch Krankheitssymptome abfragen, sagte SAP-Technikchef Jürgen Müller. Die Eingabe sei aber freiwillig. "Diese Daten werden auch nicht geteilt, sondern nur lokal auf dem Smartphone abgespeichert." Die Angabe der Symptome soll dann bei der Einschätzung helfen, wie groß das Risiko einer Begegnung mit einem Infizierten gewesen sei.

© SZ vom 24.09.2020

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