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Heuschnupfen:Der Aufmüpfigen Zähmung

Forscher wissen heute eine Menge über Allergien. Doch bei aller Liebe zum Molekular: Ein Zaubermittel gibt es nicht.

Von Kathrin Zinkant

Wer sich mit der biologischen Natur des gemeinen Heuschnupfens befasst, denkt nicht zuerst an Japan. Doch der Frühling auf der Insel Awaji-shima lehrt etwas über Allergien. Diese Zeit dort ist nämlich nicht zuerst für die Menschen eine Quälerei, sondern für die einheimischen Affen. Sobald die Zypressen zu blühen beginnen, fängt für die Makaken die Heuschnupfensaison an. Bis April schlagen sich die Tiere mit juckenden Augen und laufenden Nasen herum, dass es zum Erbarmen ist. Und zum Staunen - gelten Allergien doch eher als Gebrechen des überzivilisierten Menschen denn als Naturphänomen.

Fest steht höchstens, dass allergische Reaktionen in vielerlei Hinsicht rätselhaft bleiben. Gerade die verbreitete allergische Rhinitis, also der Heuschnupfen, wirft die Frage auf, wie ein bisschen Blütenstaub so viel medizinisches Leid verursachen kann. Normalerweise richten die winzigen Pollen keinen Schaden an. Sie bleiben zwar wie Schnupfenviren in den Schleimhäuten hängen. Dort erkennt sie der Körper aber nicht als Feind - er ist mit den harmlosen Fremdlingen vertraut. Immunologen nennen das Toleranz. Und genau die fehlt dem schniefenden Frühjahrsopfer. Sein Abwehrsystem verkennt die harmlosen Partikel als Gegner und wirft seine Kriegsmaschinerie an. Abwehrzellen in den Schleimhäuten registrieren winzige Eiweißstrukturen auf den Pollen, senden Signale an weitere Zellen, produzieren gezielt Antikörper, die sich erst an Zellen und dann an die ausgemachten Strukturen des Eindringlings heften und das Finale einleiten: Das Hormon Histamin strömt ins Gewebe und führt zu Schwellungen und Sekretabsonderungen. Sie sollen den vermeintlichen Feind aus dem Körper treiben.

Dass diese Fehlreaktion kein Phänomen der Moderne ist, zeigt die Geschichte: Allergische Rhinitis und allergisches Asthma sind seit Jahrhunderten bekannt. Erstmals als Krankheit geschildert wurde das Phänomen 1819 von dem Briten John Bostock. Der Arzt litt selbst unter heftigem Heuschnupfen und beschrieb Dutzende weitere Fälle - ohne zu wissen, woher die Symptome rührten. Erst gut 50 Jahre später erkannte sein Landsmann Charles Blackley, dass Pflanzenpollen der Auslöser sind. 1906 schließlich entdeckte der Österreicher Clemens von Pirquet den Zusammenhang mit dem menschlichen Immunsystem - und prägte den Begriff Allergie für die unangemessene Reaktion des Abwehrapparats auf fremde Stoffe.

Bei entscheidenden Punkten tappen die Wissenschaftler weiter im Dunklen

Seither haben Forscher den biologischen Mechanismus von Allergien einigermaßen detailliert erkundet. Von den vielfältigen Auslösern, den Allergenen, die den Menschen nicht nur im Frühling umzingeln. Bis hin zu den komplexen physiologischen Reaktion, von denen man grob vier unterscheidet. Immerhin lassen sich Heuschnupfen und allergisches Asthma daher gut beschreiben. Sie zählen zur ersten Kategorie der Fehlreaktionen, für die IgE-Antikörper eine wichtige Rolle spielen. IgE aktiviert die Histaminspeicher der Schleimhäute. Aber auch sogenannte T-Helferzellen vom Typ 2 spielen eine zentrale Rolle: Sie sind der Erkennungsdienst, der die Produktion von Antikörpern ankurbeln kann und mit Entzündungshormonen auch Abwehrzellen in den Schleimhäuten alarmiert. Genau hier läuft eben oft etwas schief. "Bei Allergikern gibt es ein Ungleichgewicht - zwischen der Immunantwort durch diese Typ 2-T-Helferzellen und den anderen Abwehrreaktionen", erklärt Susanne Lau, die an der Berliner Charité die Sektion für Pädiatrische Allergologie leitet. Dieses Ungleichgewicht führt früher oder später zur Abwehr harmloser Stoffe. Wann es zu der Überreaktion kommt, lässt sich aber nicht absehen. Fest steht nur: "Die Bereitschaft ist da", sagt Lau.

Abgesehen von diesen Beschreibungen, die bis hinab auf die molekulare Ebene der zahlreichen Signalwege und Botenstoffe reichen, tappen die Forscher bei vielen entscheidenden Punkten weiter im Dunkeln. Insbesondere nach neuen Medikamenten wird verzweifelt gesucht. Anti-Histaminika, die das entscheidende Hormon Histamin blockieren und so die Symptome unterdrücken, kennt man seit 1938. Neue Varianten haben zwar weniger Nebenwirkungen, helfen aber auch nur begrenzt. Alternativ bleibt der Griff zum Holzhammer: Kortison unterdrückt die Immunabwehr generell, ob erwünscht oder nicht.

Heilen lassen sich Allergien nur mit extremer Geduld. Die seit hundert Jahren bekannte Hyposensibilisierung zielt darauf, das Immunsystem ganz allmählich wieder an den Stoff zu gewöhnen, auf den es so heftig reagiert. Warum sie bisweilen funktioniert und häufig doch scheitert: noch ein Rätsel. Man vermutet, dass die stete, über Jahre verstärkte Konfrontation mit den Antigenen das Immunsystem allmählich zähmt. Dafür müssen aber die richtigen Stoffe verabreicht werden. Weshalb die Präparate ausgefeilter geworden sind. Der Ansatz aber bleibt derselbe. Manchmal verschwinden Allergien auch wieder von allein. "Es gibt Spontanremissionen sowohl bei Heuschnupfen als auch bei Allergien gegen Kuhmilch oder Hühnereiweiß", berichtet Lau. Wann und wie so eine Selbstheilung erfolgt, weiß niemand.

Zu guter Letzt bleibt ein Rätsel, aus welchen Gründen die Toleranz gegenüber harmlosen Umweltstäubchen verloren geht. Als belegt gilt, dass Kinder, die ohne Geschwister und in einer blitzsauberen Umgebung groß werden, später häufiger Allergien bekommen. Auch die erbliche Komponente ist offenkundig: Wenn beide Eltern Allergiker sind, wird auch der Nachwuchs mit höherer Wahrscheinlichkeit allergisch. Forscher sind zudem überzeugt, dass Lebensmittel ebenfalls einen Beitrag leisten. "Es gibt sehr deutliche Hinweise aus epidemiologischen Studien, dass eine Ernährung mit vielen pflanzlichen Ölen und fettem Fisch vor Allergien schützen kann", sagt Susanne Lau. Darüber hinaus bleibt eigentlich nicht viel mehr, als nach möglichst ländlichem Leben zu streben. "Unser Lebensstil hat viel Positives in der Sterblichkeitsstatistik gebracht: geringere Säuglingssterblichkeit, längere Lebenserwartung", sagt Lau. "Aber das Immunsystem spielt eben manchmal verrückt - vielleicht, weil wir uns zu wenig draußen in der Natur und im Dreck aufhalten, zu viel vor Facebook sitzen und uns zu wenig bewegen."

© SZ vom 25.04.2015

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