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Nationale Identität:Heimat für alle

Bauernmarkt auf der Ludwigstraße in München, 2011

Dem einen das Heimatgefühl ist dem anderen der Fluchtreflex. Politisch ist beides nicht.

(Foto: Catherina Hess)

Eine Heimat schafft nicht Identität, sondern Zugehörigkeit. Zur politischen Kategorie taugt sie ebenso wenig, wie als Argument. Über eine realitätsferne Debatte und ihre gefährlichen Folgen.

Heimat - was soll das sein? Theodor W. Adorno hat sich 1965 in einer Radiosendung zur Frage "Was ist deutsch?" vor der Feier der Heimat und der Klage der Heimatlosigkeit überaus gehütet, weil jegliche Betonung von Identität und Heimat eine unvermeidbare und unangemessene Verdinglichung erzeuge, die gar nicht zu leisten sei: Heimat ist kein Objekt, das man besitzen kann. Das war zu einer Zeit, als die Vertriebenenverbände mit ihren rund 1 000 000 Stimmen die deutsche Politik noch mit Gebietsansprüchen ("Schlesien ist unsere Heimat") vor sich hertrieben und dabei gerne übersahen, dass ihr Leben in der Bundesrepublik viel friedlicher, freier und prosperierender war als in ihrer alten Heimat, die, so hieß es damals, unter der Knute des Ostblocks stand. Es gibt umgekehrt nicht viele dokumentierte Klagen etwa über den Heimatverlust hungerdarbender irischer Bauern, die sich im späten 19. Jahrhundert in die USA aufmachten und es dort über die Jahrzehnte zu einigem Wohlstand brachten.

Kurz: Einen Anspruch auf unberührte Heimat formulieren meist nur diejenigen, denen es gutgeht. Unbedacht bleibt dabei aber gern, dass andere, denen es in ihren Heimaten nicht gutgeht - zum Beispiel Syrer oder Kurden - grundsätzlich dasselbe Recht auf Heimat haben. Dieses wird ihnen gleich doppelt verwehrt: Zum einen, weil ihre alte Heimat, auch durch europäisches Mitverschulden, beschädigt wurde. Zum andern, weil ihnen das Recht auf eine neue Heimat zum Beispiel in Europa zunehmend verweigert wird.

Wozu braucht es Heimat eigentlich? Jeder hat einen Geburtsort. Niemand sucht ihn sich aus. Es gibt daneben so etwas wie eine geistige Heimat, in der man sich weltanschaulich verortet. Und natürlich eine seelische Heimat: Wo ist die emotionale oder auch religiöse Geborgenheit? Alle drei werden als Heimat bezeichnet und sind doch selten kongruent. Die Familie kann in alle Himmelsrichtungen verstreut sein, das ist ja heute fast der Normalzustand; man kann auch überall auf der Welt Jude oder Christ sein. Kurz: Heimat an sich schafft keine Identität.

Allein die durchweg positive Besetzung des Begriffs in zeitgenössischen deutschen Debatten ist darum problematisch. Man hat gleichsam Karlheinz-Böhm-Filme aus den 1950er-Jahren vor Augen; den Hirsch überm Sofa und die Kaffeekanne auf dem Tisch. Dabei kann Heimat durchaus etwas Schreckliches sein. Privates Unglück im Elternhaus erzeugt womöglich die Sehnsucht, aus der Heimat weglaufen zu können. Oder die Heimat wird zerstört. Hand aufs Herz: Nicht jeder sehnt sich nach seinem Geburtsort zurück.

Der politische Raum bleibt nur solange offen, wie Herkunft, Heimat und Identität als Argumente keine Rolle spielen

Die derzeitige Überhöhung des Heimatbegriffs, besonders seine Koppelung an die Nation, ist nicht nur politisch gefährlich. Vor allem entspricht sie nicht der gesellschaftlichen Realität: Für nur sieben Prozent der Deutschen ist die Nation ihre Heimat. Für 93 Prozent ist Heimat ihre Stadt, die Region, die Familie oder die Religion, also das direkte soziale und emotionale Umfeld. So dachten sich das schon die alten Römer: Patria bezog sich immer nur auf die Gemeinde. Heimat ist konkret, Nation ist bestenfalls eine vorgestellte Gemeinschaft. Wer am Bodensee lebt, "gehört" nicht zu Flensburg, und umgekehrt.

Heimat als Herkunftsort und Heimat als nationale Versuchung sind also zwei Paar Schuhe. Wenn nicht mehr unterschieden wird, wenn Heimat politisch umkämpft und zur nationalen Angelegenheit umcodiert wird, ist Gefahr in Verzug. Denn dann wird eigentlich die Nation als politische Formation, kurz: der politische Überbau, nicht aber die Heimat verhandelt. "Die Geschichte drängt in das Leben der Menschen", schrieb Peter Härtling in seinem Roman "Eine Frau", der das Leben einer 1904 im deutschsprachigen Prag geborenen Frau beschreibt, die es nach dem Krieg nach Stuttgart verschlägt. Äußere Umstände prägen Heimatverständnis.

Jeder kennt das aus dem eigenen Leben oder aus der Familiengeschichte. Wer etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts im linksrheinischen Rheinland geboren wurde und dort bis Ende des Jahrhunderts lebte, hat fünf politische Überbauten erfahren: das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazis, das geteilte und das wiedervereinigte Deutschland. Wäre die französische Besetzung des Gebiets 1923 geglückt, wäre man dort Französin geworden. Hätte Konrad Adenauer 1924 als Oberbürgermeister von Köln mit den rheinischen Separatisten paktiert (er hat damit geliebäugelt), wäre man heute wahrscheinlich Angehöriger einer Rheinischen Republik. Heimat und Herkunft wären in allen Fällen gleichgeblieben.

In Europa ist die Diskussion über Heimat und staatlichen Überbau wieder virulent. Viele Katalanen wollen heraus aus dem spanischen Staatsverband. Die Heimat bleibt Katalonien, ganz egal welcher politischen Formation Katalonien demnächst vielleicht angehört. Dasselbe gilt für Schottland, wenn Nicola Sturgeon, wie sie beabsichtigt, nach dem Brexit ein zweites Referendum durchführt und Schottland sich möglicherweise tatsächlich aus dem Vereinigten Königreich löst: die Heimat der Schotten und Schottinnen ist dann noch Schottland, die politische Zugehörigkeit wäre eine andere. Kurz: Heimat ist keine politische Kategorie. Sie dazu zu machen ist Missbrauch. Der politische Raum funktioniert nur so lange als offene Agora, wie es um Themen und Argumente geht. Also wenn Herkunft, Heimat und Identität keine Rolle spielen.

Das alles spräche dafür, die 144 Planstellen für "Heimat" im Innenministerium umgehend abzuschaffen. Lieber sollte ein Europaministerium geschaffen werden, in dem über ein politisch handlungsfähiges und wirtschaftlich starkes Europa nachgedacht wird, das in der Lage ist, die vielen verschiedenen Heimaten in Europa zu schützen. Heimat soll nicht zum Selbstzweck werden, geschweige denn gegen andere Heimaten ausgespielt werden. Damit sich Bertolt Brechts' Diktum "Heimat ist da, wo man am besten kämpfen kann", hier nicht wieder bewahrheitet.

Ulrike Guérot ist Professorin für Europapolitik an der Donau-Universität Krems und Gründerin des European Democracy Lab in Berlin. Zuletzt erschien ihr Buch "Was ist die Nation" bei Steidl / IFA

© SZ vom 29.11.2019/haa
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