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Jugoslawien-Konflikt:Kosovo und Sarajevo erklären Nobelpreisträger Handke zur persona non grata

Nobelpreisträger bei Pressekonferenz

Peter Handke, Nobelpreisträger für Literatur, bei einer Pressekonferenz in der Schwedischen Akademie im Dezember.

(Foto: dpa)
  • Der österreichische Schriftsteller Peter Handke ist von Kosovo und der Stadt Sarajevo zur unerwünschten Person erklärt worden.
  • Nach Ansicht von Kritikern hat Handke von Serbien begangene Kriegsverbrechen im Jugoslawien-Konflikt verharmlost.
  • Handke hatte am Dienstag den Nobelpreis für Literatur erhalten.

Kosovo hat den österreichischen Schriftsteller Peter Handke zur persona non grata, zur unerwünschten Person erklärt. Das teilte Kosovos amtierender Außenminister Behgjet Pacolli via Twitter mit. Zuvor hatte auch der Stadtrat Sarajevos diesen Beschluss gefasst. Der Literaturnobelpreisträger hatte sich im Jugoslawien-Krieg stark mit Serbien und dessen damaligen Präsidenten Slobodan Milošević solidarisiert und nach Ansicht von Kritikern die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert. 2006 hielt er bei der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Führers Milošević eine Rede.

Der Stadtrat von Sarajevo erklärte nun, man habe die Entscheidung mit Blick auf einen möglichen Besuch Handkes getroffen. Die Stadt wurde im Bosnienkrieg fast vier Jahre lang belagert - unter anderem von den bosnischen Serben.

Als unerwünschte Person, auch persona non grata genannt, werden Menschen bezeichnet, die nicht willkommen sind. Der Begriff wird offiziell für Diplomaten verwendet, die ein Land verlassen müssen oder nicht einreisen dürfen. Nach dem "Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen" kann ein Staat einem anderen jederzeit mitteilen, dass der Missionschef oder ein Mitglied des diplomatischen Personals eine persona non grata ist. In Folge dessen werden die Betroffenen oft mit einem Einreisebann oder - bei Veranstaltungen - mit dem Verwehren des Eintritts konfrontiert.

Handkes rückwirkende Auszeichnung in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis in diesem Jahr hatte eine große Kontroverse ausgelöst. Diesen Dienstag wurde die Auszeichnung offiziell in Stockholm überreicht. Mehrere Länder, darunter Kroatien, Albanien und die Türkei, verzichteten aus Protest gegen Handke auf die Teilnahme ihrer Botschafter an der Preisverleihung. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ging am Dienstag gar so weit, Handke als eine "rassistische Person" und als "Mörder" zu bezeichnen. Kosovos Außenminister Pacolli schrieb in seiner Twitternachricht, Handke und die Verantwortlichen des Nobelpreises hätten Respektlosigkeit gegenüber den Opfern eines Völkermordes gezeigt.

Auch in Stockholm wurde während des Abends der Preisverleihung gegen Handke protestiert. Auf dem etwas von den Nobelveranstaltungen entfernt liegenden Norrmalmstorg, auf dem bereits zu Balkankriegszeiten Kundgebungen gegen den Konflikt abgehalten worden waren, kamen zu Beginn des Protests einige Hundert Teilnehmer zusammen. Die Organisatoren hatten auf mindestens 500 gehofft, die Polizei vor Ort sprach zunächst von etwa 400.

Akademie verteidigt Entscheidung

"Handkes Literatur schreibt die Geschichte um, er stellt einen Genozid infrage, der bewiesen worden ist", sagte eine der Initiatorinnen, Teufika Sabanovic, der Deutschen Presse-Agentur. Sie glaube nicht daran, dass sich Handke eines Tages doch noch bei den Völkermordopfern entschuldigen werde. Handke habe bereits auf der Pressekonferenz in der Schwedischen Akademie am Freitag eine goldene Gelegenheit verstreichen lassen, auf Fragen zu seiner Haltung zum Jugoslawien-Konflikt angemessen zu antworten, sagte Sabanovic.

Die Akademie hatte ihre Entscheidung für Handke dagegen vehement verteidigt. Man müsse zwischen der Person und ihrem literarischen Werk unterscheiden, hatte sie erklärt. Handkes Gegner sahen das ganz anders. "Der Beschluss wird die Schwedische Akademie auf ewig verfolgen", schrieb der Theaterregisseur und Schriftsteller Jasenko Selimovic, der 1992 als Flüchtling aus Sarajevo nach Schweden gekommen war, in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter.

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