bedeckt München 25°

Hamas und Muslimbrüder:Ende einer brüderlichen Kooperation

Hermetisch abgeriegelt: Ägyptische Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen

(Foto: AFP)

Durch den Putsch in Ägypten hat die islamistische Hamas ihren wichtigsten Unterstützer verloren: die Muslimbrüder. Palästinenserpräsident Abbas von der verfeindeten Fatah hingegen lobt die ägyptische Armee. Aus seinem Umfeld kommt unverhohlen der Aufruf, auch im Gazastreifen die Islamisten zu stürzen.

Es ist einsam geworden um die Hamas im Gazastreifen. Der Putsch in Ägypten hat mächtige Schockwellen in den kleinen Küstenstreifen geschickt, denn die Muslimbrüder in Kairo waren der mächtigste Patron der palästinensischen Islamisten. Als sie an die Macht kamen in Ägypten, da ging für die Hamas die Sonne auf. Sie hoffte nicht nur auf eine brüderliche Kooperation, sondern in ihrem Schlepptau auch auf internationale Anerkennung. Nun hat die Hamas nicht nur den Paten verloren, sondern auch die Perspektiven - und muss obendrein befürchten, selbst in die gefährlichen Wirren des arabischen Aufbruchs hineinzugeraten.

Denn für die Gegner der Hamas ist der Niedergang der Muslimbrüder ein willkommener Anlass, nun eine Fortsetzung in Gaza zu fordern. Im Internet kursieren nach Kairoer Muster unter dem Label "Tamarot" bereits Aufrufe zur Rebellion, und vom Westjordanland aus mischen sich die 2007 in einem blutigen Bruderkrieg niedergekämpften Erzfeinde von der Fatah wieder kräftig ein.

Präsident Mahmud Abbas war einer der Ersten, der dem neuen ägyptischen Präsidenten Adli Mansur ein Glückwunschtelegramm schickte. Er lobte das Eingreifen der Armee und wünschte dem ägyptischen Volk, es möge nun "in Freiheit, Würde und Stabilität leben". Gleiches wünscht er sicher auch dem eigenen Volk im Gazastreifen, und aus seinem Umfeld kamen bereits unverhohlen die Aufrufe, nun auch dort die Islamisten zu stürzen.

Allerdings sind die Unterschiede auf den zweiten Blick fast größer als die Parallelitäten. Denn in Gaza gibt es kein Militär, das sich wie in Kairo im Namen des Volkes gegen die Misswirtschaft der Muslimbrüder erheben könnte. Im Gegenteil: Die Sicherheitskräfte stehen unter totaler Kontrolle der Hamas, die bisher noch jeden Protest in ihrem Reich im Keim erstickt hat. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass Abbas nun wieder gestärkt der Hamas gegenübersteht. Dies könnte die innerpalästinensischen Versöhnungsgespräche befördern und dem Präsidenten ein wenig mehr Freiraum gewähren bei möglichen Friedensverhandlungen mit Israel.

Die Hamas bekommt die Schwächung und ihre wachsende Isolierung bereits zu spüren. Zum einen wurde der Grenzübergang nach Ägypten in Rafah nach einem Angriff von Islamisten Ende voriger Woche bis auf Weiteres geschlossen. Seither ist der Gazastreifen wieder hermetisch abgeriegelt - niemand kommt mehr heraus, und Tausende Palästinenser, die im Ausland weilten, kommen auch nicht mehr zurück.

Zum anderen scheint Ägyptens Armee massiv gegen die Schmuggeltunnel unter der Grenze vorzugehen. Im Gazastreifen hat das bereits zu einem Engpass an Benzin und Zement geführt, was die Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiter wachsen lässt. Auch der Waffennachschub wird durch die Tunnel abgewickelt und könnte somit in Zukunft ernsthaft gefährdet sein. Ohne Raketen aber kann die Hamas sich nicht einmal mehr als Widerstandskraft gegen Israel profilieren.

Es droht ein tiefer Fall, und nach hochfliegenden Hoffnungen muss die Hamas erkennen, dass auch ein arabischer Frühling den Wechsel der Jahreszeiten nicht aufhält. Ein heißer Sommer steht ihr nun bevor, und Hilfe ist fast nirgends zu erwarten. Schließlich sind in den Wirren des Wandels zuvor schon andere enge Verbündete weggebrochen: Iran, Syrien und die Hisbollah, die früher Geld und Waffen geliefert hatten, stehen nun schon länger auf der anderen Seite der arabischen Front.

Freunde hat die Hamas allenfalls noch im kleinen aber reichen Golfemirat Katar und in der Türkei. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat gerade erst wieder angekündigt, dass er bald in den Gazastreifen reisen will. Doch erstens verspricht er das schon lange - und zweitens hat auch er gerade zu Hause ein paar andere Probleme zu lösen.

© SZ vom 10.07.2013/dayk

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite