Grünen-Co-Chef Robert Habeck:"Das war kein Glanzstück"

Grünen-Co-Chef Robert Habeck: "Hätten wir gewusst, dass an den Stellen solider hätte gearbeitet werden müssen, wäre da solider gearbeitet worden", sagt Grünen-Co-Chef Habeck.

"Hätten wir gewusst, dass an den Stellen solider hätte gearbeitet werden müssen, wäre da solider gearbeitet worden", sagt Grünen-Co-Chef Habeck.

(Foto: AFP)

Die Grünen kämpfen mit den Folgen von Fehlern und Pannen. Der Co-Vorsitzende Robert Habeck übt Selbstkritik und fordert seine Partei auf, die "Schützengräben" zu verlassen.

Von Stefan Braun und Constanze von Bullion

Es ist zuletzt nicht gut gelaufen für die Grünen. Seit Wochen nicht. Erst waren da die beim Bundestag nicht angemeldeten Weihnachtsgelder, dann Merkwürdigkeiten beim Lebenslauf und aktuell auch noch eine heftige Debatte bis hin zu Plagiatsvorwürfen beim eigenen Buch - für die Kanzlerkandidatin der Grünen, Analena Baerbock, ist die Zeit seit ihrer Nominierung zu einer Zeit des Missvergnügens geworden. Versäumnisse, Fehler und Pannen der Kandidatin haben die Debatten dominiert, nicht das Bestreben, über die Zukunft des Landes zu reden. Doch nach einem Moment des Schreckens mit purzelnden Umfragewerten will die Parteispitze aus der Defensive kommen, mit Selbstkritik, mit mahnenden Worten an die eigenen Leute und mit Angriffen auf die politischen Gegner.

So sagte Parteichef Robert Habeck nun der Süddeutschen Zeitung: "Die letzten Wochen waren kein Glanzstück." Es seien handwerkliche Fehler gemacht worden, mehr als einmal habe er sich gedacht, dass diese Fehler nicht hätten passieren dürfen. Er hob zugleich hervor, dass die Versäumnisse und Fehler für alle überraschend gekommen seien. "Hätten wir gewusst, dass an den Stellen solider hätte gearbeitet werden müssen, wäre da solider gearbeitet worden", so Habeck.

"Das ist Kokolores"

Der Co-Vorsitzende verteidigte zugleich die Entscheidung, offen ins Rennen ums Kanzleramt einzusteigen. Allen in der Führung sei klar gewesen, dass mit der Ausrufung der Kanzlerkandidatin eine Personalisierung einsetzen würde. Diese habe man nutzen wollen, um die eigenen Themen nach vorne zu schieben. Insofern müsste sich die Grünen-Spitze die eigenen Fehler selbst ankreiden. "Es ist nicht die Aufgabe anderer , uns davor zu schützen", sagte Habeck. "Unsere Gegner dürfen uns kritisieren. Es ist Wahlkampf."

Habeck trat zugleich Spekulationen entgegen, die Grünen könnten die Kanzlerkandidatin durch ihn ersetzen: "Das ist Kokolores." Die Partei habe Baerbock gerade erst mit nahezu 100 Prozent zu ihrer Kanzlerkandidatin gewählt. "Jetzt geht es darum, aus diesem Vertrauensvorschuss, den sie von der Partei bekommen hat, das Beste zu machen", sagte Habeck. Auf die Frage, ob über einen Wechsel nachgedacht worden sei, antwortete er: "Nein. Das ist keine Debatte."

Längst haben die vielen Pannen und der aktuelle Trend in den Umfragen bei den Grünen Sorgen ausgelöst, dass der Schaden irreperabel sein könnte. Habeck widersprach der These. In den gut zwei Monaten bis zum Wahlabend "können wir klar machen, dass Vertrauen in die richtige Politik die Abstimmung bestimmen sollte." Er sehe deshalb "noch große Chancen, dieses kostbare Gut Vertrauen zu erwerben".

"Wir sagen ja nicht, dass wir jede Antwort gefunden haben. Aber wir haben Antworten"

Habeck widersprach auch der Idee, noch einmal neu in den Wahlkampf zu starten. "Wir brauchen keinen Neustart. Wir müssen zu den Dingen zurückkehren, die uns in die Situation gebracht haben, überhaupt erst eine Kanzlerkandidatin zu benennen." Dazu gehöre neben einer klaren Definiton der eigenen Ziele eine werbende Sprache und eine einladende Kommunikation, die nicht besserwisserisch daherkomme. "Wir sagen ja nicht, dass wir jede Antwort gefunden haben. Aber wir haben Antworten", sagte Habeck.

Auch das Rennen um das Kanzleramt sei nicht entschieden. "Gelaufen ist gar nichts", so der Grünen-Politiker. Man habe immer gewusst, dass der Griff nach dem Kanzleramt kein Selbstläufer sei. Die Grünen strebten das Kanzleramt nicht an, "weil es da so schön ist". Ziel sei es, die nötigen Veränderungen so stark wie möglich anstoßen zu können. "Das ist ein nach oben offener Anspruch."

Nach dem zum Teil harten, auch persönlichen Angriffen gegen Baerbock hatte es in den Reihen der Grünen manche gegeben, die ähnlich scharf darauf antworten wollten. Dem aber trat Habeck entgegen. Er werbe weiter für einen verbindlichen Ton. "Der wahre Angriff auf diejenigen, die hart zuschlagen, ist ja nicht, genauso hart zurückzuschlagen, sondern ihre Schläge ins Leere laufen zu lassen, den Kampfplatz zu ändern, eine andere Debatte zu führen", so Habeck. Sich jetzt in die alten Schützengräben zu begeben, sei falsch. "Das ist kein guter Ort, um drin stecken zu bleiben."

Zugleich fuhr Habeck einen scharfen Angriff auf die Union, der er Untätigkeit und falsche Versprechen vorwarf. Sie behaupte, sich um bezahlbaren Wohnraum zu kümmern, mache aber nichts, um die Mieter zu schützen. Sie sage, sie wolle das Klima schützen und neue Jobs schaffen, habe aber die Solarindustrie schwer geschädigt. Und Armin Laschet verspreche ein Modernisierungsjahrzehnt - da frage man sich, wer eigentlich die letzten 15 Jahre regiert habe. "Das ist die Verhohnepiepelung der Wählerinnen und Wähler", so der Co-Vorsitzende der Grünen.

Habeck hatte sich vor der Entscheidung selbst Hoffnungen auf die Rolle als Kanzlerkandidat gemacht. Zuletzt gab es immer wieder Spekulationen, er könne es doch noch werden. Nun verwahrte er sich gegen den Eindruck, dass ihm die Spekulationen besonders gefallen würden. Nein, das sei einfach nur das Auf und Ab von öffentlicher Meinung, so der Grünen-Politiker. "Da kann man sich ein Ei drauf pellen."

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