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Großbritannien:Wenn Appelle nicht wirken

Coronavirus - Großbritannien

Boris Johnson hatte lange mit Verboten gezögert und stattdessen auf die umstrittene Herdenimmunität gesetzt.

(Foto: Andrew Parsons/dpa)

Lange hatte Premier Johnson mit Verboten gezögert. Nun gibt es Ausgangssperren.

Kurz nachdem der britische Premierminister am Montagabend mit ungewohnt ernster Stimme Ausgangsbeschränkungen für das ganze Land angekündigt hatte, begann die Debatte: Sind Sportläden nicht wichtig für die Volksgesundheit und müssen deshalb offen bleiben? Wieso dürfen Zweitwohnungsbesitzer nicht in ihre Landvillen fahren? Schadet die Pflicht, die neuen Regeln durchzusetzen, dem Image der Bobbies als Freund und Helfer?

Vorerst sollen nur Geschäfte geöffnet bleiben, die für die Grundversorgung nötig sind, Fahrten zur Arbeit sollen, soweit möglich, unterlassen werden, und nur eine sportliche Betätigung an der frischen Luft wie Joggen oder Radfahren ist pro Tag erlaubt. Aber immer noch bleiben die neuen Regeln für das Zusammenleben der Briten in der Corona-Krise hinter dem zurück, was andere Staaten von ihren Bürgern einfordern.

Das zeigt sich auch in Ton und Inhalt: Premierminister Boris Johnson sprach vom "nationalen Notstand", wählte aber das Verb "sollen" statt "müssen". Auch Minister Michael Gove, der am Dienstag seine Runde durch Radio- und TV-Stationen machte, blieb britisch-höflich und mahnte: "Wir hoffen, dass die Menschen vernünftig sind."

Zudem ist die Liste der Ausnahmen, welche die Regierung am Morgen nach Johnsons Ansprache nachreichte, unerwartet lang: Baustellen dürfen weiter betrieben werden, wenn die Arbeiter den Sicherheitsabstand einhalten, die Fahrt zum Tierfuttergeschäft ist noch erlaubt, Kinder von getrennt lebenden Eltern dürfen zwischen den Wohnungen pendeln. Fotos in den sozialen Medien zeigten folglich auch am Dienstag volle U-Bahnen in London.

Die Regierung hatte lange gezögert mit ihren Ankündigungen. Nach einem Wochenende, an dem Parks und Strände voll waren, zog Downing Street dann nach heftigem internen Streit und einem kritischen Medienecho die Reißleine: Experten hatten intensiv gewarnt, dass die Insel, was Infektionsrate und Überforderung des chronisch überlasteten Gesundheitssystems angeht, etwa zwei Wochen hinter Italien liege.

Wenn nicht sofort aus den Appellen ein kollektiver Zwang werde, sei eine Katastrophe unvermeidlich. Johnson soll sich, Insiderberichten zufolge, schwer getan haben mit der radikalen Einschränkung von Freiheitsrechten, deren Durchsetzung ohnehin nicht garantiert ist: Bisher hat die Polizei noch nicht die nötigen Befugnisse.

Wegen des Brexits haben viele medizinische Fachkräfte aus der EU Großbritannien verlassen

Aber die Kritik am Vorgehen der Regierung war immer lauter geworden: Der Premier habe in den vergangenen Wochen zu zögerlich agiert. Eine klare Krisenkommunikation sei ausgeblieben. Und vorangegangene Schlagzeilen über die von der Regierung verfolgte Theorie der Herdenimmunität, also der Infizierung und Immunisierung der breiten Masse. Dass viele Briten daraus bis vor Kurzem ihre Rechtfertigung für eine exzessive Freizeitgestaltung samt Pub-Besuchen zogen, hätte die falschen Signale gesendet.

Ein hitzig diskutierter Artikel in der Times tat dann ein Übriges: Am Wochenende berichtete das Blatt, im Februar, als das Ausmaß der Krise schon klar absehbar gewesen sei, habe der Chefberater des Premierministers, Dominic Cummings, gesagt, die Strategie der Regierung sei es, die sogenannte Herdenimmunität anzustreben und die Wirtschaft zu schützen.

Wenn das bedeute, dass dabei ein paar Menschen sterben: "Pech gehabt." Downing Street dementierte die Zitate heftig, und auch Cummings-Kritiker betonten, der Berater sei mittlerweile ein überzeugter Befürworter der radikalen sozialen Isolierung, um das Virus zurückzudrängen. Aber die öffentliche Debatte über den Text dürfte die Entscheidung für Ausgangsbeschränkungen noch einmal beschleunigt haben.

Bevölkerung und Medien reagierten positiv auf Johnsons Rede an die Nation. Die Zeitungen waren voll von Weltkriegsrhetorik und Verweisen auf den berühmten "Blitz-Spirit", und eilig durchgeführten Umfragen zufolge unterstützen vier Fünftel der Briten die jüngsten Beschlüsse der Regierung. Johnsons Umfragewerte steigen; auch Labour-Wähler finden jetzt, er manage die Krise gut.

Zudem gibt es einige gute Nachrichten aus dem NHS, dem nationalen Gesundheitsdienst. Die Zahl der zur Verfügung stehenden Intensivbetten, die im internationalen Vergleich niedrig ist, konnte durch die Kooperation mit privaten Krankenhäusern erhöht werden. Die ersten Technik-Firmen haben ihre Produktion auf Beatmungsgeräte umgestellt. 7500 Ärzte und Schwestern haben sich aus dem Ruhestand zurückgemeldet.

Gleichwohl ist die Lage weiter bedrohlich. Wegen des Brexit haben viele medizinische Fachkräfte aus der EU das Land verlassen; die von Johnson während des Wahlkampfs versprochene Rekrutierung von 50 000 Krankenschwestern ist noch gar nicht angelaufen. Der echte Notstand auf der Insel hat noch nicht einmal begonnen.

© SZ vom 25.03.2020

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