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Großbritannien:Risiko in drei Stufen

Wegen hoher Corona-Fallzahlen sind nun auch in England härtere Regeln zum Kampf gegen die Pandemie verhängt worden, wie es bereits in Schottland passiert ist.

Von Alexander Mühlauer, London

Nach Schottland verschärft nun auch England die Corona-Regeln. Vor allem im Norden muss sich die Bevölkerung auf Einschränkungen im öffentlichen Leben einstellen. So sollen in Liverpool Pubs, Bars, Wettbüros, Kasinos und Fitnessstudios von Mittwoch an zunächst für einen Monat schließen. Außerdem dürfen sich Angehörige verschiedener Haushalte nicht mehr miteinander treffen, weder drinnen noch draußen. Dies kündigte Premierminister Boris Johnson am Montag im Unterhaus an. Grund für die strikten Vorschriften in Liverpool ist die im Landesvergleich äußerst hohe Inzidenz: Am Ende der vergangenen Woche verzeichnete die Stadt innerhalb von sieben Tagen durchschnittlich etwa 550 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Damit ist Liverpool der Hotspot in England. Einem dreistufigen Alarmsystem der Regierung zufolge wurden am Montag alle Städte und Regionen gemäß ihres Infektionsgrades eingeteilt. Vorerst kommt nur die Liverpool City Region in die sogenannten Stufe 3, die für Landesteile mit "sehr hohem Risiko" gilt. Stufe 2 steht für Regionen mit "hohem Risiko", dort dürfen sich Angehörige unterschiedlicher Haushalte nicht mehr in Wohnungen und Häusern treffen. Stufe 1 ist der Status quo: Es dürfen sich bis zu sechs Menschen aus unterschiedlichen Haushalten treffen, für Pubs gilt eine Sperrstunde um 22 Uhr.

Bis zuletzt sträubten sich Politiker in Nordengland dagegen, in die höchste Risikostufe eingruppiert zu werden. So schrieben etwa fünf Labour-Abgeordnete aus dem Großraum Manchester bereits am Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor "verheerenden Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Unternehmen" warnten. In Manchester lag die Zahl der Neuinfektionen im Sieben-Tages-Zeitraum durchschnittlich bei etwa 540 pro 100 000 Einwohner, also nur knapp hinter Liverpool. Trotzdem bleibt der Großraum Manchester in der Stufe 2. Zusammen mit anderen Amtskollegen in Nordengland forderte der Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, die Regierung auf, die von den Schließungen betroffenen Gaststätten-Betreiber stärker finanziell zu unterstützen. Ansonsten werde die wirtschaftliche und soziale Spaltung zwischen dem ärmeren Norden und dem reicheren Süden weiter zunehmen, sagte der Labour-Politiker. Auch in der Grafschaft Lancashire, die nördlich von Liverpool und Manchester liegt, ist der Widerstand gegen Johnson groß. Die dort politisch Verantwortlichen lehnten eine Schließung von Gaststätten ab. Sie verwiesen darauf, dass lediglich 14 Prozent aller positiven Corona-Tests in Verbindung mit Besuchen von Pubs oder Bars stünden - deshalb sollten diese geöffnet bleiben. Zwischen den betroffenen Regionen und der Regierung in London wurde bis zuletzt darüber verhandelt, in welcher Risiko-Stufe eine Region letztendlich landet. Der Großraum London bleibt zunächst in der Stufe 1 eingruppiert. Ein Sprecher von Bürgermeister Sadiq Khan (Labour) sagte allerdings, dass sich dies "sehr schnell" ändern könne - möglicherweise sogar noch in dieser Woche. In den 32 Stadtteilen der Hauptstadtregion lag die Inzidenz zuletzt etwa zwischen 50 und 100.

Bereits jetzt werden in Großbritannien mehr Menschen mit Corona-Symptomen in Krankenhäusern behandelt als im Frühjahr. "Wir haben aktuell mehr Patienten mit Covid-19 in den Krankenhäusern als kurz vor dem Beginn des kompletten Lockdowns am 23. März", sagte der nationale Gesundheitsberater Stephen Powis am Montag bei einer Pressekonferenz. Bislang seien 40 Prozent aller Neuinfektionen im Nordwesten Englands zu verzeichnen, das Virus breite sich aber immer schneller Richtung Süden aus.

Während sich im Spätsommer vor allem jüngere Menschen infizierten, nehmen die Fallzahlen nun auch in den älteren Gruppen wieder zu - und damit auch die schweren Krankheitsverläufe. Großbritannien ist bislang das am schwersten von der Pandemie getroffene Land in Europa. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen stieg zuletzt um etwa 12 800. Seit Ausbruch der Pandemie sind mehr als 42 800 Menschen in Großbritannien am Coronavirus gestorben.

© SZ vom 13.10.2020
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