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Grass, Israel und Irans Atomprogramm:Sein Atomprogramm hat Israel verwundbar gemacht

Irans Nuklearprogramm entfaltet im direkten Duell mit Israel seine entscheidende Wirkung. Irans Vernichtungsphantasien gegen Israel sind hinreichend dokumentiert. Daraus ergeben sich existentielle Fragen: Würde eine Theokratie mit einem Populisten an der Spitze der Regierung der Verlockung erliegen und den vielen Worten auch die Tat folgen lassen? Würde ein Sprengkopf über Tel Aviv gezündet nicht ausreichen, Israel von der Landkarte zu tilgen?

Funktioniert bei derartiger religiös-ideologischer Überladung das Gesetz von Abschreckung, von Erstschlag und Gegenschlag noch? Man kann es Israels Premier und der Mehrheit der politischen Klasse in Jerusalem nicht absprechen, diese Szenarien bis in die letzte Konsequenz zu durchdenken - und nach einer Abwehr dagegen zu suchen.

Nachdem alle politischen Einhegungsversuche wenig gefruchtet haben, nachdem Sanktion um Sanktion von Iran unterlaufen wurden oder einfach nur hingenommen werden, rückt der Moment näher, an dem über die letzte Option zur Behinderung oder gar Verhinderung des Programms geredet werden muss: einen Militärschlag.

In der Abwägung der Angriffsoptionen scheiden sich die Geister

Dabei geht es nach allem taktischen Kalkül nicht um eine irgendwie geartete Vernichtung, wie Grass behauptet, sondern um einen gezielten Angriff auf die Anlagen, die das nukleare Waffenprogramm beherbergen. Der iranische Atomreaktor Buschir spielt dabei keine Rolle. Er ist für die Anreicherung und die Herstellung des waffenfähigen Sprengstoffs weitgehend ohne Bedeutung. Ein Fukushima-Szenario, wie von Grass entworfen, gehört also in die Abteilung Hysterie.

In der Abwägung der Angriffsoptionen scheiden sich überall auf der Welt, auch in Israel, die Geister. Lassen sich alle Ziele treffen? Lassen sie sich so weit zerstören, dass eine iranische Bombe verhindert oder ihr Bau zumindest auf lange Zeit verzögert wird? Kann die israelische Luftwaffe das überhaupt? Ist mit einem Gegenschlag Irans zu rechnen? Mit Terror?

Israel hat sich indes mit seinem eigenen Nuklearprogramm ebenso politisch und moralisch verwundbar gemacht - allerdings nicht völkerrechtlich, weil der Staat als einer der ganz wenigen auf der Welt nicht zu den Unterzeichnern des Atomwaffensperrvertrags gehört.

Ein simples Argument, das dem einfachen Geist schmeichelt

In Grass' Argumentation - und sie findet Anhänger - geht die Logik noch weiter: Wenn Israel die Bombe haben darf, müsste doch Israels Feind dasselbe Recht zugebilligt werden. Es geht quasi um ein Recht auf Waffengleichheit. Die Simplizität des Arguments schmeichelt dem einfachen Geist, aber das Argument hält dem harten Test eines komplexen strategischen Szenarios nicht stand. Siehe oben: Wenn einer eine Bombe hat, dann wird die Welt nicht sicherer, nur wenn ein zweiter sie ebenfalls bekommt.

Wichtig ist auch, die politische Absicht eines Bombenträgers zu durchleuchten. Israel setzt sein Nuklearpotential politisch nicht offensiv ein, es droht nicht mit der Bombe und es zieht auch keine offensiven, taktischen Vorteile aus dem Besitz (wenn es etwa Krieg gegen die Hisbollah im Libanon führt).

Zwar könnte Israel mit Hilfe eigens umgerüsteter U-Boote aus deutscher Fertigung nukleare Sprengköpfe abschießen und verfügt damit über eine Zweitschlagskapazität. Aber für diesen Zweitschlag würden sich im Zweifel auch die USA hergeben. Deutsche U-Boote sind in der Eskalationsstrategie also von Bedeutung, aber nicht entscheidend.