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Göttinger Studie zu Protestbewegungen:Politisch engagiert, männlich, kinderlos

Der typische Demonstrant ist männlich, Rentner und kämpft für eine gute Zukunft - jedoch nicht für die seiner Kinder. Forscher des Göttinger Instituts für Demokratieforschung nennen eigenen Nachwuchs sogar ein "Ausschlusskriterium für Engagement".

Aufgebrachte Menschen verbringen Nächte in Zelten, demonstrieren gegen die Mächtigen der Republik mit Transparenten und Plakaten, ketten sich im Extremfall an Bäume. So oder so ähnlich sehen Proteste in Deutschland aus der Vogelperspektive aus. Was aber zeigt sich, wenn sich der Beobachter in die Menge der Demonstranten hinein begibt? Sozialwissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung haben Protestbewegungen in Deutschland untersucht.

In 80 Einzelinterviews und 18 Gruppendiskussionen mit Aktivistinnen und Aktivisten unterschiedlicher Protestgruppen - von Occupy über Umweltaktivisten bis hin zu Schulreformern - gingen sie zentralen Fragen nach: Was treibt die Protestierenden an? Wer ist aktiv? Und wie stehen die Demonstranten unserer Demokratie gegenüber?

  • Der Protest ist männlich geprägt: 70 Prozent der von den Göttinger Wissenschaftlern befragten Personen sind Männer. Nur im Bildungs- und Schulbereich sind Initiativen von Frauen dominiert.
  • Engagement braucht Zeit: Unter ihren Interviewpartnern stießen die Forscher auf besonders viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Schüler und Ruheständler. Gleichzeitig haben auffallend viele Aktive offenbar keine Kinder, in der Studie ist gar davon die Rede, dass Kinder einem "Ausschlusskriterium für Engagement" gleichen würden.
  • Protest geht vom Bürgertum aus: Vor allem von Menschen mit hohem Bildungsabschluss und geregeltem Einkommen. Bei den Berufen sind die Ingenieure führend. Da Menschen mit technisch geprägten Berufen sich als objektive Experten in die Diskussionen einbringen und selbstbewusst Gegenvorschläge erarbeiten könnten, so der Forschungsbericht zur Begründung.
  • Der Demokratie in Deutschland stehen die Befragten insgesamt kritisch gegenüber: Politiker seien abgehoben, inkompetent und weltfremd, der Politikbetrieb eher eine "Scheindemokratie", in der der Volkswille von Lobbyisten verfälscht werde.

Protestler sind nach der Studie außerdem verdammt ungeduldig: Während sie sich einerseits wünschen, in politische Prozesse mehr eingebunden zu werden, fordern sie andererseits von der Regierung rasches und effektives Handeln. Hier stünden sich zwei Anliegen der Demonstranten gegenseitig im Weg.

© Süddeutsche.de/kjan/olkl

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