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Globalisierung:Kunden und Menschen

Seit zehn Jahren gibt es das iPhone, ein totalitäres Gerät - es hilft in allen Momenten, in denen man einkaufen will. Aber nicht in jenen, in denen man produzieren muss.

Von Detlef Esslinger

Weder Trump noch Putin heißt der mächtigste Mensch auf der Welt, und er lebt auch weder in München noch in Tokio. Es handelt sich bei ihm nicht einmal um einen konkreten Mann oder eine konkrete Frau. Zum mächtigsten Menschen auf der Welt kann jeder werden - und wird es auch mehrmals am Tag: nämlich immer in jenem Moment, da er in seiner Eigenschaft als Kunde in Erscheinung tritt.

"Der Kunde steht im Mittelpunkt aller unserer Aktivitäten / unseres Handelns / unseres Denkens"; so oder ähnlich preisen sich Abertausende von Unternehmen auf ihren Webseiten an, gerne unterm Stichwort Firmenphilosophie. Am Donnerstag vor zehn Jahren wurde in den USA das erste iPhone verkauft, jenes Gerät, das inzwischen sowohl Träger als auch Beschleuniger von Digitalisierung und Globalisierung ist. Seit zehn Jahren macht es möglich, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Bücher, Schrauben und Badewannen einzukaufen. In seiner Eigenschaft als Kunde kann der Mensch dieses "Telefon" gar nicht großartig genug finden; aber auch nur in dieser.

Seit zehn Jahren gibt es das iPhone, ein totalitäres Gerät

Manchmal sind es die kleinen Meldungen, die illustrieren, an welchem Punkt eine Gesellschaft gerade steht - und diese Nachricht hat mit dem iPhone-Jubiläum scheinbar gar nichts zu tun: Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vereinbarte mit der Deutschen Bahn neulich einen Tarifvertrag, der den Beschäftigten die Wahl ließ, ob sie lieber 2,6 Prozent mehr Geld oder sechs Tage mehr Urlaub haben wollen. Nach Darstellungen aus der Gewerkschaft hat die Mehrheit sich für mehr Urlaub entschieden. Die IG Metall wiederum will im Winter, in der nächsten Tarifrunde, erkämpfen, dass die fast vier Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie ihre wöchentliche Arbeitszeit vorübergehend um bis zu sieben Stunden reduzieren dürfen, damit sie sich, bei Bedarf, mehr um Kinder oder Eltern kümmern können.

Die Kontroverse, die es dazu gibt, ist überaus erhellend. Alles schön und gut, meint Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger zu dieser Forderung. Aber klar sei: "Der Kunde entscheidet, wann was produziert werden muss - und daher, wann Arbeit geleistet werden muss." Worauf der Gewerkschaftsvorsitzende Jörg Hofmann mit der rhetorischen Frage antwortet: "Kann es denn allein der Kunde sein, der unser Arbeitsleben bestimmt? Die Beschäftigten haben einen Anspruch auf eine selbstbestimmte Arbeitszeit."

Die Entscheidung der Bahn-Arbeitnehmer wie auch die Forderung der Metaller zeigen, dass es hierzulande offenbar nicht mehr die größte Sorge ist, genug Geld für ein gutes Leben zu haben. Sie zeigen, dass "mehr Geld" keineswegs noch als Wert an sich gilt. Stattdessen wird "mehr Zeit" für viele Beschäftigte immer bedeutsamer. Die spannendste Frage lautet jedoch nicht, wie man dieses Bedürfnis decken kann, ohne die Betriebe zu überlasten. Die spannendste Frage lautet, ob "den Beschäftigten" eigentlich klar ist, was dies für "den Kunden" bedeuten würde. Also für sie selbst.

Seit zwanzig Jahren kann man in Deutschland auch nach 18.30 Uhr noch Geschäfte betreten. Und seit es iPhones gibt, staunt niemand mehr, dass ein Paketbote auch am Samstagabend sogar noch die online bestellte Badewanne heranschleppt - so wie jeder ganz selbstverständlich erwartet, dass man auch um 20 Uhr bei der Versicherung anrufen kann. Das ist das Problem: dass man als Kunde all jenen totalen Service einfordert, der einem als Arbeitnehmer über den Kopf gewachsen ist. Metaller möchten gerne mehr Zeit für ihre kranken Eltern haben? Paketboten vielleicht auch.

Der Mensch funktioniert nicht so, dass er sich grundsätzlich als Gesamtwesen betrachten würde. Mal nimmt er sich als Kunde wahr, mal als Beschäftigter, mal als Steuerzahler, Autofahrer oder sonst wer, und gern setzt er sein jeweiliges Momentan-Empfinden absolut. Als Kunde liebt er sein iPhone - als Beschäftigter findet er es womöglich gut, dass nun endlich eine Gewerkschaft gegen den Satz des Dulger und das Diktat des Kunden vorgehen will. Indes gibt es Arbeitnehmergruppen (in den großen Metallbetrieben), die sind viel weniger austauschbar, viel besser organisiert und damit viel durchsetzungsfähiger als andere (bei Amazon oder den Paketdiensten). Erstere haben vielleicht eine Chance, sich gegen manche Zumutungen zu wehren, die mit Digitalisierung und Globalisierung einhergehen, letztere nicht. Wer ein iPhone hat, mag es kaum mehr hergeben. Zugleich befördert es den Kampf aller gegen alle, und der Schwächere verliert. Die einen bekommen noch mehr Zeit zum Bestellen, die anderen noch weniger für sich.

© SZ vom 30.06.2017

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