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Gesundheit:EU plant für die nächste Pandemie

Die europäischen Staaten wollen bei der Seuchenbekämpfung enger zusammenarbeiten, eine Art europäisches RKI - und vor allem unabhäniger von China werden.

Von Rainer Stadler

Die Corona-Pandemie ist noch voll im Gange, trotzdem soll Europa bereits jetzt Konsequenzen ziehen, um auf künftige Krisen besser vorbereitet zu sein. Darauf einigten sich die EU-Gesundheitsministerinnen und -minister bei einer gemeinsamen Videokonferenz am Donnerstag, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft leitete. Wie Spahns Ministerium mitteilte, soll das seit 2005 bestehende Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) demnach "zu einem schlagkräftigen Reaktionszentrum für internationale Gesundheitskrisen" ausgebaut werden, also mehr Geld und Kompetenzen erhalten. Ähnlich wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland soll es auf europäischer Ebene als "Health Task Force" fungieren und die 27 EU-Mitgliedstaaten beim Krisenmanagement unterstützen. Spahn sagte, "wir brauchen eine robuste, besser ausgestattete europäische Gesundheitskrisenbehörde". Nur so könne diese Behörde im Ernstfall schnell reagieren und die einzelnen Staaten unterstützen. Es gehe darum, "die Abwehrkräfte Europas zu stärken".

Die Produktion von Wirkstoffen soll mehr in Europa erfolgen

Die Tagungsteilnehmer forderten auch, die Produktion wichtiger Arzneien in die Europäische Union zurückzuverlagern. Da Produktionsstätten für Wirkstoffe von Medikamenten zunehmend außerhalb der EU angesiedelt seien, habe sich die Gefahr von Lieferengpässen nicht nur in Gesundheitskrisen erhöht. Spahn, der sich bisher bei dem Thema eher zurückgehalten hatte, sagte nun, Europa müsse "unabhängiger von den Weltmärkten" werden, sei es bei Medizinprodukten wie Atemschutzmasken oder bei wichtigen Arzneimitteln. Die sichere Versorgung mit Medikamenten sei "ein Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft", hieß es in der Erklärung seines Ministeriums. Unternehmen sollten mit finanziellen Anreizen bewogen werden, Wirkstoffe "für kritische Arzneimittel" in Europa zu produzieren. Diese Maßnahmen seien auch in der EU-Arzneimittelstrategie zu berücksichtigen, die von der EU-Kommission für Oktober dieses Jahres angekündigt ist.

Die Minister wollen auch die Digitalisierung im Gesundheitsbereich in Europa voranbringen. Ein "gemeinsamer Gesundheitsdatenraum" soll Zugang zu Daten sowie deren Austausch für Forschung und Therapie unterstützen. Zehn EU-Staaten nutzten bereits eine Corona-Warn-App, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Elf weitere wollten eine solche einführen. Man arbeite daran, den Datenaustausch zwischen den Apps zu ermöglichen. Die deutsche Corona-App ist laut Spahn inzwischen in den App-Stores aller EU-Staaten verfügbar.

© SZ vom 17.07.2020

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