Gedenken an Opfer der Neonazi-Mordserie Merkel bittet Angehörige der Opfer um Verzeihung

Kanzlerin Merkel findet klare Worte: Bei der großen Gedenkfeier in Berlin zur Mordserie der Zwickauer Terrorzelle stellt sie sich an die Seite der Opfer, wie sie es zuvor noch nicht getan hat. "Wir alle können Ihnen heute zeigen: Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer." Semiya Simsek konfrontiert die Kanzlerin mit harten Fragen: "Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Soll mich diese Erkenntnis nun beruhigen?"

Von der Gedenkveranstaltung in Berlin berichten Thorsten Denkler und Kathrin Haimerl

Erst vor drei Monaten haben die zehn Familien der Opfer der Neonazi-Mordserie erfahren, wer tatsächlich hinter dem Tod ihrer Angehörigen steckt. Heute sollen sie die Zuwendung erfahren, die ihnen über die Jahre verwehrt blieb: Staat und Gesellschaft gedachten in einer zentralen Veranstaltung im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt der Opfer. Unter den etwa 1200 Gästen waren auch mehr als 80 Angehörige der Gewaltopfer. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) entschuldigte sich in ihrer Rede bei den Familien der Ermordeten: Es sei besonders beklemmend, dass Angehörige zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten. Neben Merkel sprachen auch Semiya Simsek und Gamze Kubasik, deren Väter von Mitgliedern der Zwickauer Terrorzelle getötet worden waren. Insbesondere Simsek konfrontierte die anwesenden Politiker mit harten Fragen. Eine bewegende Ansprache auf türkisch hielt Ismail Yozgat. Sein Sohn war 2006 ermordet worden. Um 12 Uhr wurde der Opfer der Neonazi-Mordserie mit einer bundesweiten Schweigeminute gedacht.

12:00 Uhr

Berlin und zahlreiche andere deutsche Städte beteiligen sich an der Schweigeminute am heutigen Donnerstag. Busse und Straßenbahnen stoppen an Haltestellen, U- und S-Bahnen verharren an Bahnsteigen. In vielen Bundesländern beteiligen sich Behörden, Unternehmen und Schulen. Neben Arbeitgebern und Gewerkschaften riefen auch Kirchen und muslimische Organisationen zur Teilnahme auf. Viele Fahnen sind auf Halbmast gesetzt. Auch auf Twitter lassen mehrere Nutzer die Tasten ruhen - und zwar unter #schweigeminute. Gegen die Aktion regt sich aber auch Protest: "Schweigt demonstrativ nicht. Schweigen hat die Morde erst möglich gemacht", schreibt einer.

11:55 Uhr

Die zentrale Gedenkfeier in Berlin ist zu Ende. In Kürze beginnt die bundesweite Schweigeminute für die Opfer. Arbeitgeber und Gewerkschaften haben dazu aufgerufen. An den Bundesbehörden in Berlin und Bonn wurde Trauerbeflaggung angeordnet.

11:40 Uhr Semiya Simsek - harte Fragen an die Politik

Semiya Simsek betritt zusammen mit Gamze Kubasik die Bühne. Beide wirken entschlossen, bestimmt. Simsek beginnt ihre Ansprache emotional, erinnert zunächst an ihren Vater, der das erste Opfer der Neonazi-Mordserie war. Die Tochter war 14, als auf ihren Vater am 9. September 2000 geschossen wurde, der Blumenhändler starb später im Krankenhaus. "Ich finde keine Worte, wie unendlich traurig wir waren", sagt sie. Elf Jahre hätte ihre Familie nicht reines Gewissens Opfer sein dürfen, elf Jahre lang hätte sie nicht in Ruhe Abschied nehmen können. Sie konfrontiert die anwesenden Politiker direkt: "Können Sie erahnen, wie es sich für mich als Kind angefühlt hat, meine Mutter unter Verdacht zu sehen?" Wolfgang Schäuble, der in der ersten Reihe sitzt, hat die Hand auf den Mund gelegt, ebenso wie Norbert Lammert. Beide wirken betroffen. Simsek wird schneller: "Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Soll mich diese Erkenntnis nun beruhigen?" Und: "Bin ich in Deutschland zu Hause? Wie soll ich mir dessen gewiss sein, wenn es Menschen gibt, die mich hier nicht haben wollen, nur weil meine Eltern aus einem anderen Land stammen?" Simsek fordert: "In unserem Land, in meinem Land, muss sich jeder frei entfalten können, unabhängig von Nationalität, Migrationshintergrund, Behinderung, Geschlecht oder sexueller Orientierung." Gamze Kubasik, deren Vater am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Dortmund erschossen wurde, spricht von der Hoffnung "auf eine Zukunft, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist". Sie sagt, dies solle eine Kerze symbolisieren, die Kubasik zum Abschluss der Veranstaltung zusammen mit Simsek aus dem Saal trägt. Die beiden jungen Frauen ernten Beifall zum Abschluss der Veranstaltung.

11:21 Uhr Ismail Yozgat - bewegender Auftritt eines Vaters

(Foto: dapd)

Neben Merkel sollen auch Semiya Simsek und Gamze Kubasik Ansprachen halten - ihre Väter wurden von den Mitgliedern der Zwickauer Terrorzelle getötet. Merkel kündigte aber noch einen anderen Redner an, der bislang nicht im Programm stand: Ismail Yozgat aus Baunatal bei Kassel. Er betritt nun die Bühne. Auf Türkisch schildert er, wie sein Sohn Halit 2006 in einem Internetcafé ermordet wurde. Er bedankt sich beim ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff: "Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn", sagt er. Wulff hatte die Gedenkfeier im Berliner Konzerthaus auf Wunsch der Angehörigen der Opfer initiiert. Doch das Angebot finanzieller Unterstützung lehnt Yozgat ab. Geld wolle seine Familie nicht annehmen, sagt er. Stattdessen richtet er sich mit drei Wünschen an die Kanzlerin: "Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden." Auch die Hintermänner müssten aufgedeckt werden. Sein zweiter Wunsch: Dass die Holländische Straße in Kassel, in der sein Sohn geboren wurde und in der er in seinem Internetcafé ermordet wurde, nach ihm benannt werde. Als dritten Wunsch nennt Yozgat, dass im Gedenken an die insgesamt zehn ermordeten Menschen ein Preis ausgelobt und eine Stiftung gegründet werde.

11:10 Uhr

Zuversicht. Damit endet Merkel. Sie will Hoffnung geben. Und vielleicht ist diese bislang einmalige Gedenkstunde dafür ein Anfang. Den Satz von Altbundespräsident Christian Wulff wiederholt sie nicht: "Der Islam gehört zu Deutschland." Merkel sagt stattdessen: "Wir alle prägen gemeinsam das Gesicht Deutschlands." Das alles leitet sie aus der im Grundgesetz verankerten "Würde des Menschen" ab, die der Staat zu schützen habe. "Wann immer Menschen in unserem Land bedroht und ausgegrenzt werden, verletzt dies die Werte unseres Grundgesetzes. Deshalb waren die Morde eine Schande für unser Land." Nur eines hätte Merkel in ihrer Rede deutlicher herausarbeiten können: das Versagen der Sicherheitsbehörden.

11:00 Uhr "Eine Schande für unser Land"

(Foto: dpa)

Merkel sucht nach Erklärungen. Warum konnte das passieren. Warum machen Menschen so etwas. Sie habe das Video gesehen, sagt sie, das im Umfeld der Terrorzelle NSU aufgetaucht ist. Das mit dem rosaroten Panther. Perfide nennt sie das. Menschenverachtend. Und doch: Eine Erklärung für die "beispiellose Mordserie" hat auch sie nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit vielleicht. Oder dass es verfassungsfeindliche Parteien schaffen, das soziale Leben in manchen Gemeinden zu prägen. Aber das allein könne es nicht sein. Den Angehörigen der Opfer verspricht sie ein Entschlossenheit im Kampf gegen rechts: "Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen", sagt Merkel. "Die Morde der Thüringer Terrorzelle waren auch ein Anschlag auf unser Land. Sie sind eine Schande für unser Land." Doch allein könne der Staat den Rechtsextremismus nicht bekämpfen. Wachsame Bürger brauche es. Solche, die sich auch den kleinen fremdenfeindlichen Bemerkungen im Alltag entgegenstellen.

10:43 Uhr Merkel entschuldigt sich bei Angehörigen der Opfer

Merkel betritt die Bühne. Ihre Stimme wirkt brüchig. Sie zählt die Opfer der Neonazi-Mordserie einzeln auf, zu jedem hat sie etwas zu sagen. Blumenhändler der eine, der andere Aushilfe in einer Änderungsschneiderei, der nächste: Vater einer dreijährigen Tochter. Die Kanzlerin bittet die Zuhörer um ein kurzes Schweigen, um die Opfer der Mordserie zu ehren. "Die rechtsextremistische Menschenverachtung ist letztlich unbegreiflich." Und sie räumt ein: Die meisten der Angehörigen blieben jahrelang allein in ihrer Not. Auch Merkel selbst ist oft kritisiert worden. Sie habe nicht die nötige Empathie mit den Opfern gezeigt. Heute ist das anders. Sie hat sich vor der Gedenkstunde mit den Angehörigen unterhalten. Mit denen, die erst ihre Liebsten verloren, und dann noch als mitschuldig abgestempelt wurden. Von deutschen Behörden. Merkel scheint verstanden zu haben. Es sei besonders beklemmend, dass Angehörige zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten. "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung." Niemand, sagt sie, könne "Ihnen den Ehemann, den Vater, den Sohn oder die Tochter zurückbringen".  Aber: "Wir alle können Ihnen heute zeigen: Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer."

10:33 Uhr Gedenkakt beginnt

(Foto: AFP)

Die Gespräche verstummen, Stille kehrt ein im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Alle erheben sich: Durch den Mittelgang schreiten die Spitzen des Staates nach vorne. Bundesratspräsident, Bundestagspräsident, Bundeskanzlerin. Vor allem aber die engsten Angehörigen der Opfer des rechten Terrors in Deutschland, der zehn Menschen das Leben gekostet hat. Ihnen gilt heute die Aufmerksamkeit - es ist diese Art der Zuwendung, die ihnen über Jahre versagt blieb. Sie nehmen ihre Plätze in der ersten Reihe ein. Zum zweiten Satz des Doppelkonzertes für zwei Violinen in D-Moll von Johann Sebastian Bach tragen nach und nach Schüler Kerzen nach vorne. Zwölf sind es an der Zahl. Zehn für jedes Opfer. Eine Kerze für die Verletzten der Nagelbombenanschläge und eine weitere Kerze als Sinnbild dafür, dass der Kampf gegen rechts nicht aufhören darf.

10:25 Uhr

In wenigen Minuten soll die zentrale Gedenkveranstaltung im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt beginnen. Die Opfer stehen heute im Mittelpunkt - es handelt sich um Enver Şimşek, Blumenhändler in Nürnberg, Abdurrahim Özüdoğru, Schneider in Nürnberg, Süleyman Taşköprü, Obst- und Gemüsehändler in Hamburg, Habil Kılıç, Obst- und Gemüsehändler in München, Mehmet Turgut, Dönerverkäufer in Rostock, İsmail Yaşar, Imbissbesitzer in Nürnberg, Theodoros Boulgarides, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes in München, Mehmet Kubaşık, Kioskbesitzer in Dortmund, Halit Yozgat, Betreiber eines Internetcafés in Kassel und Michèle Kiesewetter, Polizistin.

09:48 Uhr Opfer-Beauftragte fordert Umdenken der Polizei

Gewalt gegen Einwanderer soll nach dem Willen der Opfer-Beauftragten Barbara John automatisch zu Ermittlungen in Richtung Rechtsextremismus führen: "Immer, wenn ein Einwanderer von Gewalt betroffen ist, dann muss auch in die Richtung Radikalismus ermittelt werden. Das ist in anderen Ländern gang und gäbe", sagt die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Angehörigen der Neonazi-Opfer im ZDF-"Morgenmagazin". Ganz ähnlich äußert sich auch Naika Foroutan in einem Gastbeitrag für die SZ: Sie mahnt eine Debatte über Rassismus in Deutschland an. "Wir müssen ihn als Realität anerkennen", schreibt sie.

09:20 Uhr 437.000 Euro Entschädigung für Neonazi-Opfer

Die Bundesregierung hat einem Medienbericht zufolge bislang etwa 437.000 Euro an die Opfer der Zwickauer Terrorzelle ausgezahlt. Dies berichtet Die Welt und beruft sich dabei auf Zahlen des Bundesjustizministeriums. Demnach wurde bisher in 61 Fällen eine Entschädigung gezahlt. Sie sei an Eltern, Ehepartner, Kinder und Geschwister der Ermordeten sowie an die Verletzten der Bombenanschläge 2001 und 2004 in Köln gegangen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) mahnte eine "schonungslose Aufarbeitung" der Fehler der Vergangenheit an: Nach der Gedenkfeier dürfe niemand zur politischen Tagesordnung übergehen.

09:00 Uhr Genugtuung für Angehörige

Der Vizepräsident des Bundestages, Wolfgang Thierse, meldet sich zu Wort: In der zentralen Gedenkveranstaltung sieht er eine Hilfe für die Hinterbliebenen der Opfer der Neonazi-Mordserie. Mit seiner symbolischen Handlung verschaffe ihnen der Staat Genugtuung, erklärt der SPD-Politiker im Norddeutschen Rundfunk. Das Leid der Angehörigen müsse ernst genommen, falsche Verdächtigungen während der Ermittlungen müssten selbstkritisch betrachtet werden. Wie sehr ihre Familien darunter zu leiden hatten, werden heute zwei Töchter von Ermordeten vor den Gästen in Berlin schildern. Semiya Simsek ist eine davon. Dem Sender Antenne Bayern sagte sie, zeitweise habe sogar ihre Mutter als Tatverdächtige gegolten. Simseks Vater war das erste Opfer der Neonazi-Mordserie: Der Blumenhändler war im Jahr 2000 an seinem Verkaufsstand in Nürnberg erschossen worden.