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Gauck:Ja, ein Präsident!

Gaucks Abschiedsrede war wohltuend und wohltemperiert.

In Zeiten, in denen rüpelhafte Interviews Weltschlagzeilen machen, ist man dankbar für eine wohltemperierte Rede. Man freut sich also über eine Präsidenten-Rede, die zum Nachdenken anregt, wie sie der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck soeben im Schloss Bellevue gehalten hat. Sein Abschiedsvortrag darüber, "wie unser Land aussehen soll", war nicht visionär, aber besorgt und fast ein wenig weise. Es gibt halt solche Präsidenten und solche.

Wohltemperiert wird eine Vokabel sein, nach der man in der nächsten Zeit, "in rauen Zeiten", wie Gauck sagt, Sehnsucht haben wird. Die Welt wird nicht besser mit Respektlosigkeit und Rüpelei; sie wird auch nicht besser mit der Rückkehr zum Nationalismus, wie ihn Staatslenker heute propagieren. Gauck hat dagegengehalten; eindringlich, aber ohne Pathos. In seinen fünf Amtsjahren hat er sich entpathetisiert. Vor fünf Jahren war Gauck optimistischer als heute. Aus dem "Lebensatem der Solidarität", den Gauck damals für das Miteinander in Europa beschworen hatte, ist mittlerweile ja sehr dünne Luft geworden. Und für Demokratie muss man heute emotionaler, ja liebender werben als damals. Gauck kann das.

Vor fünf Jahren hat Gauck sich das Land und seine Menschen zuversichtlicher gewünscht. Die Zuversicht ist nicht gewachsen. Aber sie ist, trotz aller Probleme, wohl auch nicht geschrumpft. Zu danken ist das nicht zuletzt Joachim Gauck.

© SZ vom 19.01.2017

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