Kolumne Künstler

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena und leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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Was ist die eigentliche Rolle von Dichterinnen und Denkern in der Demokratie? Gibt es überhaupt ein Recht darauf, für seine Meinung belobigt zu werden?

Von Norbert Frei

Die Zeiten, in denen der Geist im Zweifel links stand, sind lange vorbei. Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser, um nur die großen Drei der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre zu nennen, waren nicht nur viel gelesene Schriftsteller, sondern immer auch unterwegs im kritischen Dienst an der Demokratie. Solches Engagement war weder vor Irrtümern und Fehlern gefeit noch vor Versagen angesichts der eigenen Biografie; man denke an Grass' lange verheimlichte Zeit bei der Waffen-SS oder an Walsers Selbstverabschiedung als NS-Aufklärer in seiner Paulskirchenrede. Aufs Ganze gesehen jedoch zu Recht und mit guten Gründen begriffen sich die meisten Künstler und Intellektuellen in der alten Bundesrepublik als deren unbequeme Begleiter. Sie mahnten die uneingelösten Versprechen des Grundgesetzes an, sie traten für die Rechte von Minderheiten ein, stritten für "mehr Demokratie" und mussten sich für ihre Interventionen mit Tiervokabeln beschimpfen lassen (einmal auch, der glücklose Kanzler hieß Ludwig Erhard, als "ganz kleine Pinscher"). Dass ihre Meinungen und Positionen öffentlich belobigt würden, gar von der Politik, erwarteten sie nicht.

All das ist nicht nur, wie gesagt, lange her. Manches an dieser Rollenverteilung hat sich seitdem erschöpft, vielleicht sogar erledigt. Anderes allerdings hat sich inzwischen fast in sein Gegenteil verkehrt. Heute ist es die Kanzlerin, die an den Geist des Grundgesetzes erinnert und an das Wesen der Demokratie. Und die Dinge sagt, die offensichtlich nicht mehr selbstverständlich sind: "Deutschland, das sind wir alle."

Der scheinbar schlichte Satz - in Wirklichkeit eine Antwort auf das von rechts gebrüllte "Wir sind das Volk" - steht so in Angela Merkels Regierungserklärung von vergangener Woche. Darin geht sie, für ihre Verhältnisse ungewöhnlich deutlich, auf die gesellschaftliche Polarisierung seit der Flüchtlingskrise ein und auf den Vertrauensverlust, den sie selbst und ihre Politik seitdem erlitten. Aber die Kanzlerin betont auch noch einmal die Not derer, die Deutschland damals aufnahm: "Die bei uns ankommenden Menschen konnten in ihrer übergroßen Mehrheit nichts dafür, dass die internationale Gemeinschaft sie fast vergessen hatte."

Das darf man wohl als indirekten Kommentar zu manchem lesen, was in jüngster Zeit von prominenten Dichtern, Denkern und Künstlern verlautete. So zum Beispiel von Rüdiger Safranski, der Frau Merkel schon 2015 vorgeworfen hatte, Deutschland zu "fluten", und der jetzt, ein paar Tage vor ihrer Rede, mit nur schlecht verhüllter Aggressivität im Spiegel sagte, es gebe "keine Pflicht zur Fremdenfreundlichkeit".

In ein ähnliches Horn der Hartherzigkeit hatte vorher schon Uwe Tellkamp gestoßen, bei einem Streitgespräch mit seinem Dichterkollegen Durs Grünbein. "Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?", lautete die Frage im gutbesuchten Dresdner Kulturpalast. Doch statt einer klaren Antwort gönnte sich der Bestsellerautor einen langen Beschwerdeweg zum Thema Flüchtlinge, auf dem er unter anderem behauptete, von diesen seien 95 Prozent gar nicht verfolgt oder von Krieg bedroht, sondern nach Deutschland gekommen, "um in die Sozialsysteme einzuwandern". Erst im Lauf des Abends wurde deutlich, worauf Tellkamps Lamento angelegt war: Es ging darum, die These von "Gesinnungskorridoren" und einer angeblich drohenden "Gesinnungsdiktatur" anzubringen. Mit diesen Begriffen hatte im vergangenen Oktober bereits eine "Charta 2017" den Krawall um rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse kritisiert.

Woher das Bedürfnis kommt, sich zu Opfern von Zensur zu stilisieren, ist rätselhaft

Im Unterschied zu Tellkamp, der zu den Erstunterzeichnern der "Charta" zählte, hatte sich Monika Maron damals zurückgehalten. Nun jedoch sprang die vielfach preisgekrönte Autorin, deren frühe Werke in der DDR nicht erscheinen durften und die schon seit geraumer Zeit ihre Angst vor dem Islam bekundet, Tellkamp in einem ausführlichen Interview bei. Auf die Frage, ob man in Deutschland noch sagen könne, was man denke, schwadronierte sie von ihrem Friseur: "Die Leute vergewissern sich erst mal, mit wem sie reden und ob sie offen reden wollen oder nicht. Man kommt dafür nicht ins Gefängnis etwa, es droht einem auch keine schwere Strafe, aber es droht einem eine kleine oder größere Ächtung."

Das hatte Tellkamp in der Dresdner Debatte ganz ähnlich formuliert und sogar von "Repressionsmühlen" gesprochen, vor denen er sich fürchte. Es war dann eine jüngere Stimme aus dem Publikum, die den aufgewühlten Dichter mit großer Ruhe belehrte, was Meinungsfreiheit nicht bedeutet: "Sie haben einfach kein Recht darauf, dass Menschen Ihre Meinung teilen."

Womöglich wäre das ein Hinweis, den jemand auch einmal dem großartigen Maler und Bildhauer Georg Baselitz geben sollte. In einem Gespräch mit der Zeit aus Anlass seines 80. Geburtstags im Januar donnerte der Weltberühmte: "Wir leben keineswegs in einer Demokratie, wir leben unter dem falschen Begriff der Demokratie." Spätestens seit der jüngsten Bundestagswahl sei "aus der Demokratie eine Autokratie geworden". Baselitz' ganze Begründung: Die AfD sei zwar stark im neuen Parlament vertreten, werde aber "absolut nicht berücksichtigt. Das ist vollständig undemokratisch."

Noch ehe man sich über diese Logik die Augen reiben konnte, drosch Baselitz auf die "konformen Medien" ein. In ihrer Kritik an Leuten wie Trump, Kaczyński und Orbán seien sie heute "ja so konform wie das Neue Deutschland". Und wie zur Bekräftigung seiner Gewissheiten beschied der alte Bilderstürzer, der die DDR 1958 verlassen hatte, seinen irritierten Interviewer: "Sie drucken das nicht."

Woher das grassierende Bedürfnis kommt - ausgerechnet bei Künstlern, die im hellsten Rampenlicht stehen -, sich zu Opfern von Zensur und "Mainstream-Medien" zu stilisieren, ist nicht leicht zu verstehen. Hört man auf die Kontexte der einzelnen Klagen, so spricht einiges dafür, dass ein nach rechts gerückter Zeitgeist einem - warum auch immer - gekränkten Narzissmus aufhelfen soll. Für Georg Baselitz war das womöglich schon immer so: "Ich bin unvernünftig und bleibe dabei."

Kolumne von Norbert Frei

Norbert Frei, geboren 1955 in Frankfurt am Main, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Er leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.