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G 7 statt G 8:Putin verbannt sich selbst

Familienfoto G8-Gipfel

Einer fehlt: Familienfoto vom vergangenen G-8-Gipfel im nordirischen Enniskillen (Bearbeitung Süddeutsche.de)

(Foto: dpa)

Der Westen hat mit dem Ausschluss Russlands aus der G 8 keinen Gesprächsfaden abgeschnitten, sondern lediglich die von Putin herbeigeführte Situation beglaubigt. Der Kontakt zu Moskau wird fortbestehen. Allerdings bei veränderter Weltlage: in der Ära des Misstrauens.

Ein Kommentar von Daniel Brössler

In Den Haag haben die Staatenlenker des Westens eine wichtige Erklärung verabschiedet. Was allerdings nicht bedeutet, dass sie eine wichtige Entscheidung getroffen hätten. Der US-Präsident, die Kanzlerin und die anderen haben Russland nicht wirklich aus der G 8 geworfen. Russland hat sich selber verabschiedet. Mit der Annexion fremden Territoriums hat Präsident Wladimir Putin dem G-8-Club die Existenzgrundlage entzogen. Die Staats- und Regierungschefs der alten G 7 mussten sich dieser Tatsache stellen, sie - quasi als Notare - beglaubigen.

Deshalb geht auch der Vorwurf in die Irre, der Westen habe nun wieder einen Gesprächsfaden nach Moskau gekappt. Die G 8 war nicht einfach ein Gesprächsforum. Sie war entstanden aus der Vorstellung, dass es im Kreis der großen westlichen Industrienationen und Russlands gemeinsame Interessen, Ziele und, ja, auch Werte gebe. Geblieben sind höchstens ein paar verbindendende Interessen. Für den Fortbestand der G 8 wäre das zu wenig.

Der Westen wird deshalb nicht aufhören, mit Putin und den Seinen zu sprechen, zu verhandeln und sich irgendwann sogar wieder zu einigen. Was mit sowjetischen Generalsekretären ging, muss natürlich auch mit dem heutigen Hausherrn im Kreml möglich sein. Der Westen und Russland werden nicht in Sprachlosigkeit verfallen. Vermutlich wird sogar verdammt viel geredet werden in nächster Zeit. Nur glauben wird man einander eben nichts.

Totaler Vertrauensbankrott

Zu den enormen Kosten, die Putin durch die Annexion der Krim Russland aufbürdet, gehört der totale Vertrauensbankrott. Nach der Gewalt, die Putin der Ukraine angetan hat, müssen auch andere Staaten in der Region sich bedroht fühlen. Und der Wert seiner Beteuerung, er wolle die Ukraine nicht teilen, liegt deutlich unter demjenigen griechischer Staatsanleihen. Das Misstrauen ist jetzt Arbeitsgrundlage. Niemand kann es sich mehr leisten, Putin einfach gute Absichten zu unterstellen.

Die Aufgabe besteht nun darin, einem schwer zu berechnenden Kremlchef unmissverständliche Botschaften zu senden. Die Botschaft Nummer eins aus Den Haag lautet: Du bist allein. Halbherziger Zuspruch aus Peking ändert nichts an deiner Isolation. Botschaft Nummer zwei: Wir haben die Krim als Teil der Ukraine faktisch aufgegeben, völkerrechtlich aber nicht. Glaube nicht an eine schnelle Rückkehr zum Alltag. Und drittens: keinen Schritt weiter. Der Griff nach der östlichen oder südlichen Ukraine würde für Russland ernsthafte Sanktionen und damit eine wirtschaftliche Katastrophe bedeuten.

Den Westen hat das brachiale Vorgehen Putins unvorbereitet getroffen, doch er handelt bisher nicht kopflos. Er sendet deutliche Signale nach Moskau und definiert ein eindeutiges Ziel, nämlich die Rettung der Ukraine in ihren jetzigen Grenzen. Die Herausforderung aber wird darin bestehen, sich dauerhaft auf eine neue Weltlage einzustellen und, bedauerlicherweise, auf eine Ära des Misstrauens. In dieser Welt ist die G 8 tot. Wiederauferstehen könnte sie erst in einer völlig anderen.

© SZ vom 26.03.2014/joba
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