Fritz Pleitgen über Hans-Dietrich Genscher:"In Sachen Eigenwerbung konnte es niemand mit ihm aufnehmen"

Viele Jahre hatte Fritz Pleitgen als Auslandskorrespondent mit Genscher zu tun - und erlebte einen gewieften Politiker, der sich wie kein Zweiter selbst vermarktete, aber auch der strikt die Contenance zu wahrte, wenn es hoch her ging.

Bevor er WDR-Intedant und ARD-Chef wurde, berichtete Fritz Pleitgen als Auslandskorrespondent aus Brüssel, Moskau, Ost-Berlin und Washington D.C. - und hatte jahrzehntelang immer wieder mit Bundesaußenminister Genscher zu tun.

Kulturpreis Deutscher Freimaurer für ARD-Intendant Fritz Pleitgen, 2004, 2004

Fritz Pleitgen, ehemaliger Vorsitzender der ARD, nannte Hans-Dietrich Genscher (FDP) einen "flotten Stresemann". Das freute den Liberalen.

(Foto: CATH)

"Einen 'flotten Stresemann' habe ich ihn in einem Tagesschau-Bericht genannt. Prompt handelte ich mir einen Anruf von ihm ein. Hans-Dietrich Genscher hatte der Vergleich mit dem Friedensnobelpreisträger gefallen. In den späten achtziger Jahren war das, als der Minister des Äußersten, wie er sich zu bezeichnen beliebte, im Anflug auf New York befand.

Die UN-Generalversammlung stand an. Für Genscher eine willkommene Gelegenheit, Dutzenden Außenministern die Bonner Weltsicht beizubringen. Sie kannten ihn. Genscher hatte sie bereits in ihren Ländern mit seinen Vorstellungen heimgesucht. Seine Reisen durch das Weltgeschehen hatten ihm bereits den respektvollen Witz eingebracht, er sei sich auf seinen Flügen wiederholt selbst begegnet. Das 'global village' war für ihn längst praktizierte Wirklichkeit, bevor der Begriff zur stehenden Redensart wurde.

Bei aller Umtriebigkeit machte Genscher auf uns, die wir mit ihm in unterschiedlichen Situationen zu tun hatten, nie den Eindruck eines von seiner Mission Gejagten, sondern er wirkte nach außen wie ein Mensch, der selbstsicher, gelegentlich auch selbstgefällig in sich ruhte. Gut, ihn fuchste, dass er in Washington mit dem Etikett 'Genscherismus' von einigen Insassen des Weißen Hauses, des State Departments und des Kongresses als deutscher Chamberlain herabgesetzt werden sollte. Aber die Unterstellung perlte an ihm ab.

Zu anhaltendem Gram bestand auch kein Grund, denn Genschers hartnäckig auf Ausgleich getrimmte Politik nach Stresemann-Art kam in allen Weltregionen mehrheitlich positiv an. Seit Michail Gorbatschow in Moskau regierte, konnte sich der Bonner Außenminister überdies als bestätigt fühlen. Konfrontation oder das sture Setzen auf militärische Stärke fiel als Mittel der Politik mehr und mehr aus der damaligen Zeit.

Selbstkontrolle war sein Markenzeichen

Der Anruf, der mich in New York ereilte, war keine Ausnahme. Genscher überließ nichts dem Zufall. Wenn er sich auf Reisen in politische Metropolen von internationalem Gewicht wie Moskau, Washington oder New York begab, dann konnten Korrespondenten vor Ort damit rechnen, von ihm vorher telefonisch auf die Bedeutung seines Besuchs aufmerksam gemacht zu werden.

Sicher, man wollte sich in seiner eigenen Einschätzung nicht beeinflussen lassen, ließ aber vorsichtshalber die Heimatredaktion wissen, dass von der Genscher-Visite Berichtenswertes, möglicherweise auch Bahnbrechendes zu erwarten sei.

"Genscher ließ sich nicht verscheuchen, wenn es um seine Verdienste ging"

Der Anspruch wurde nicht immer erfüllt. Aber da gab es noch die Genscher-Nachbetrachtungen. In den Hintergrundgesprächen mit uns Journalisten wusste er seinen Begegnungen mit Anspielungen, passender Modulation in der Stimme und viel sagendem Blick soviel Würze zu geben, dass mit Nachdruck Berichte auf den Weg gebracht wurden, auch wenn uns gelegentlich der Wert seiner Auskünfte nicht ganz klar war. Den Horchern in der Wand wird es ähnlich ergangen sein.

In Sachen Eigenwerbung habe ich keinen deutschen Politiker kennen gelernt, der es mit ihm aufnehmen konnte. So hielt er die Sechs-Prozent-Partei FDP gegen die übermächtigen Rivalen Union und SPD im Rennen, so behauptete er sich gegen die Bundeskanzler Schmidt und Kohl. Er achtete strikt darauf, immer die Contenance zu wahren, mochten die Wellen noch so hoch gehen. Selbstkontrolle, das war sein Markenzeichnen. In den so genannten Elefantenrunden vor und nach Wahlen wirkte er im Vergleich zu seinen Kontrahenten immer wie die Stimme der kühlen Vernunft.

Die Sympathie hielt sich zuweilen in Grenzen

Öffentliche Wirkung war ihm wichtig. Da fiel es ihm auch nicht schwer, sich über andere hinwegzusetzen. So heimste er 1989 in der Botschaft in Prag ohne Gewissensbisse den Ruhm des Augenblicks und der Geschichte ein, obwohl es der damals ebenfalls anwesende Kanzleramtsminister Rudolf Seiters war, der mit der DDR und der Tschechoslowakei die Vereinbarung über die freie Fahrt der DDR-Flüchtlinge ausgehandelt hatte.

Seinerseits ließ er sich nicht verscheuchen, wenn es um seine Verdienste ging. Als Helmut Kohl 1990 beim Treffen mit Michail Gorbatschow im Kaukasus die Vereinbarung über die deutsche Einheit allein auskosten wollte, brachte Hans-Dietrich Genscher bei uns Journalisten entschlossen die Botschaft unter, dass die entscheidende Vorarbeit von ihm und seinem sowjetischen Kollegen Schewardnadse geleistet wurde.

Ich muss gestehen, dass sich meine Sympathie für den Politiker Hans-Dietrich Genscher zuweilen in Grenzen hielt. Seine Rolle in der Guillaume-Affäre, die zum Rücktritt von Willy Brandt führte, fand ich dubios. Dass er anschließend zum Vizekanzler und Außenminister aufstieg, hielt ich für zumindest fragwürdig. Aber Politik ist nichts für überempfindliche Seelen. Und wenn ich die Reihen der Politiker seiner Zeit durchgehe, weiß ich nicht, auf wen mir die Metapher vom "flotten Stresemann" eingefallen wäre."

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