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Frankreich:Schema: Vater-Mutter-Kind

Die Debatte um künstliche Befruchtung für lesbische und alleinstehende Frauen provoziert eine Radikalopposition, die sich auf der Straße Gehör verschafft. Marine Le Pen weiß diesen Widerstand geschickt zu instrumentalisieren.

Von Nadia Pantel

Kinderwünsche, im Plural formuliert, sind, eine gewisse Bescheidenheit des Kindes vorausgesetzt, eher leicht zu erfüllen. Ein Spielzeugauto zum Beispiel oder Pfannkuchen zum Frühstück. Beim Kinderwunsch im Singular wird es deutlich komplizierter. Dank des medizinischen Fortschritts geht es heute nicht mehr nur um die Frage, ob man Kinder möchte oder nicht, sondern darum, welche Möglichkeiten man ausschöpfen will, um Kinder zu bekommen, und wer Zugang zu diesen Möglichkeiten haben sollte.

Frankreichs Nationalversammlung debattiert in diesen Wochen über ein neues Bioethikgesetz, das vorsieht, künstliche Befruchtung auch alleinstehenden Frauen und lesbischen Paaren anzubieten. Im langen Streit um diese Reform, die zu den Wahlversprechen von Präsident Emmanuel Macron gehört, zeigt sich zweierlei.

Erstens: Je älter der Mensch wird, desto egaler ist er anderen Menschen. Diese Abstumpfung vollzieht sich schon innerhalb der wenigen Jahre, die es braucht, damit aus einer befruchteten Eizelle ein Kleinkind wird. Von der Leidenschaft, mit der in Frankreich über ungeborenes und potenzielles Leben diskutiert wird, ist wenig zu spüren, wenn es um die Bekämpfung der Probleme geborener Kinder geht: Armut, Missbrauch, Gewalt. Dieselben konservativen Politiker, die sich nun um das Wohl von Kindern sorgen, die ohne anwesenden Vater aufwachsen, empfanden es als unzulässige Einmischung des Staates in Familienangelegenheiten, als vergangenes Jahr ein Gesetz verabschiedet wurde, das es Eltern verbietet, ihre Kinder zu schlagen.

Zweitens kann man anhand der aktuellen Debatte beobachten, wie schwer es ist, einen eindeutigen Oppositionskurs gegen die Politik Macrons zu finden. Seine unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik gefällt den konservativen Republikanern. Seine aufs Individuum zugeschnittene Gesellschaftspolitik, in diesem Fall im Bereich der Familienplanung, loben Liberale und Linke.

Entsprechend werden bei der für Sonntag angekündigten Demonstration gegen das neue Bioethikgesetz nur die ganz Verbohrten auf die Straße gehen. Diejenigen, die von "Barbarei" und "Krankheit" sprechen, wenn künstliche Befruchtung außerhalb des Rahmens der heterosexuellen Ehe stattfindet. Es wird bei der von konservativen Katholiken initiierten Großdemo nicht um all die berechtigten Fragen gehen, die man stellen kann, wenn aus menschlicher Reproduktion ein Markt wird, auf dem man Wunscherfüllung kaufen kann. Es wird stattdessen eine Radikalopposition gegen alles gebildet, was nicht dem Schema Vater-Mutter-Kind entspricht. Jene Allianz, die 2012 als "Manif pour tous" gegen die Ehe für alle demonstrierte, versucht ihr Comeback.

Gerade im Fall des neuen Bioethikgesetzes ist es erleichternd, dass die Nationalversammlung sich auf die Komplexität des Themas eingelassen hat und nicht entlang von Parteilinien streitet. Gleichzeitig wird der Protest außerhalb des Parlaments immer radikaler. Das ist ein Trend aus Gelbwesten-Zeiten, den Marine Le Pen zu instrumentalisieren weiß: Während die Abgeordneten diskutieren, schreien draußen die Gegner - und Le Pen kann behaupten, die Nationalversammlung sei nicht mehr der Ort, an dem gültige Kompromisse ausgehandelt werden.

© SZ vom 05.10.2019

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