Frankreich: Regierungsumbildung:Das Stehaufmännchen

Wegen illegaler Parteienfinanzierung war Frankreichs Ex-Premier Alain Juppé politisch am Ende. Nun wird der Bürgermeister von Bordeaux, der zeitweise in Kanada untertauchte, wohl Verteidigungsminister.

Stefan Ulrich, Paris

Französische Politiker sind wie Stehaufmännchen. Sooft sie auch kippen, sie richten sich wieder auf. Alain Juppé ist ein Beispiel dafür. Er war mehrmals politisch am Ende, und wäre dies in anderen europäischen Staaten auch geblieben. Nach seiner Niederlage bei der Parlamentswahl 2007 im Wahlkreis Bordeaux blaffte er Journalisten an: "Es würde Euch wohl freuen, wenn ich verrecke."

Alain Juppe

Alain Juppé soll Sarkozys Regierung wegen ihrer sinkenden Umfragewerte als "Titanic" bezeichnet werden - offenbar hält der Bürgermeister von Bordeaux die Lage aber nicht für hoffnungslos.

(Foto: AP)

Nun ist er wieder oben auf. Zwar war am Sonntagnachmittag die Zusammensetzung der neuen Regierung noch nicht bekannt. Es galt aber als sicher, dass der 65 Jahre alte Bürgermeister von Bordeaux eine Schlüsselposition erhalten werde, vermutlich das Verteidigungsministerium.

Vor kurzem soll Juppé noch zu Nicolas Sarkozy gesagt haben: "Ich bin nicht sicher, auf die Titanic steigen zu wollen." Damit spielte er auf die schlechten Umfragewerte des Präsidenten an. Jetzt will er helfen, das Regierungslager bei kommenden Wahlen vor dem Untergang zu bewahren. Am liebsten hätte sich der ehrgeizige, intelligente und kühle Juppé natürlich selbst in der Rolle des Premiers gesehen. Die Bestätigung von Regierungschef François Fillon dürfte er aber billigen. Unlängst hatte er gelobt: "Fillon hat große Qualitäten."

Das Verhältnis zwischen Juppé und Sarkozy ist dagegen belastet. Juppé ist ein politischer Ziehsohn des früheren gaullistischen Präsidenten Jacques Chirac und gilt als dessen Vertrauter. Sarkozy dagegen betonte den Bruch mit der behäbigen, von Kungelei belasteten Chirac-Zeit, und verordnete Frankreich revolutionäre Reformen. Juppé hat das kritisiert. "Ich glaube nicht an die Tugend der Revolution in der Politik."

Auch in diesem Jahr wurde er nicht müde, auf Distanz zum Präsidenten zu gehen. Er kritisierte Sarkozys Strategie, alle Reformen auf einmal anzupacken und so die Franzosen zu verprellen. Er missbilligte, dass der Präsident gut verdienende Bürger steuerlich begünstigte und eine geplante Kohlendioxyd-Abgabe zurückzog. Und er lehnte das Burka-Verbot für muslimische Frauen ab. In Frankreich herrsche eine "latente und manchmal offene Islamphobie", meinte er.

Präsidentenbesuch in der Hochburg

Trotz dieser Differenzen suchte Sarkozy die Nähe Juppés. Er besuchte ihn im Oktober in dessen Hochburg, der Gegend um Bordeaux, ein Signal, dass er ihn in die Regierung holen wollte. Sarkozy hat mit seiner oft erratischen Politik viele bürgerliche Wähler verstört. In seinen verbleibenden eineinhalb Jahren als Präsident will er sie wiedergewinnen. Dazu braucht er den Mann aus Bordeaux.

Juppé stammt aus den Landes, einer Gegend im Südwesten Frankreichs. Er absolvierte die Elite-Hochschule Ena und wurde ein enger Mitarbeiter Chiracs. Er diente mehrfach in bürgerlichen Kabinetten, unter anderem als Außenminister, und war von 1995 bis 1997 ein eher glückloser Premier unter Präsident Chirac. Dabei setzten ihm heftigste Proteste der Bürger gegen Sozialreformen zu.

Überwinterung in Kanada

Seit 1995 wirkte Juppé auch als Bürgermeister von Bordeaux. 2004 kam der tiefe Fall. Juppé wurde wegen illegaler Parteienfinanzierung zu 14 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Er gab alle Ämter auf, schien ausgedient zu haben. Doch er überwinterte nur, als Gastprofessor in Kanada, wo er zum Umweltschützer wurde. 2006 wurde er wieder zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Die Stadt hat ihm viel zu verdanken. Prächtig restauriert und mit einem reichen Kulturleben gesegnet ist sie seine Visitenkarte.

Im Mai 2007 schien der Gefallene wieder ganz rehabilitiert zu sein. Er wurde unter dem neuen Präsidenten Sarkozy Minister für Umwelt, Energie und Verkehr. Zwei Monate später kam der brutale Rückfall. Bei der Parlamentswahl gescheitert, musste Juppé aus der Regierung scheiden. Seitdem polierte er Bordeaux weiter auf und arbeitete an seiner Rückkehr nach Paris. Nun ist er wieder auf dem obersten Deck - wenn auch vielleicht an Bord einer Titanic.

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