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Frankfurt wählt neuen Oberbürgermeister:Stillhalteabkommen zwischen Schwarz und Grün

Dabei repräsentierte sie die Stadt eher, als dass sie regierte. In Hessen haben die Oberbürgermeister weniger Macht als anderswo, hier lebt noch die alte preußische Magistratsverfassung fort: Was die mächtigen Verwaltungschefs im Magistrat beschließen, muss auch die Oberbürgermeisterin ausführen. Sie ist nur Erste unter Gleichen, also braucht man hier eine Moderatorin, wie es Petra Roth lange war, ehe sie sich zu einer Art Stadtpräsidentin entwickelte, die über den Dingen schwebt.

Ihre beachtlichste Leistung war es, dass sie die Frankfurter Politik von ihren Grabenkämpfen befreite. Wo früher Straßenschlachten tobten, wo einst Joschka Fischer mit Steinen warf, regiert heute ein schwarz-grünes Bündnis und lässt in trauter Harmonie Schutzstreifen für Radfahrer auf den reichlich vorhandenen Asphalt pinseln. Sogar Petra Roths Büroleiter ist ein Grüner. Sie ist derart ergrünt, dass die FDP sie vor kurzem unter keinen Umständen als Bundespräsidentin wollte.

So sicherte sie der CDU die Macht, so bringt sie die Grünen in Bedrängnis. Die enthielten sich immer, wenn es um die neue Landebahn am Flughafen ging, ganz wie es ein Stillhalteabkommen zwischen Schwarz und Grün verlangt. Und jetzt, da die Wut vieler Bürger im Süden gewaltig anschwillt über den Lärm, können die Grünen sie nicht nutzen. Wenn ihre Spitzenkandidatin Rosemarie Heilig mal eben den Abriss der neuen Piste fordert, wird sie sogleich als scheinheilig tituliert. Anders als in Stuttgart wird die Wut der Menschen die Grünen in Frankfurt nicht an die Macht tragen.

Über Heribert Bruchhagen dröhnen die Flieger im Minutentakt, so tief, dass man ihre Räder zählen kann. Er steht vor der Frankfurter Fußballarena, die natürlich den Namen einer großen Bank trägt, und der Lärm juckt ihn nicht, er fliegt ja selbst fast jede Woche.

Bruchhagen leitet eines der Heiligtümer der Stadt, die Eintracht Frankfurt Fußball AG. Auch er ist ein typischer Frankfurter: "Ich wäre nie aus Hamburg weggegangen, wenn ich nicht gefeuert worden wäre", sagt er fröhlich. Schlimmer noch: "Wenn ich früher auf der A 5 an Frankfurt vorbeigefahren bin, habe ich immer instinktiv gedacht - in der Stadt möchte ich nicht leben."

Er muss ein wenig lachen, während seine Mannschaft gerade den Hessenligisten Rot-Weiß Frankfurt mit 6:0 abserviert, auch zu diesem Freundschaftsspiel mitten am Tag sind 400 Menschen gekommen. Diese Frankfurter sehen das alles etwas anders, für sie ist ihre Stadt weder hässlich noch ein Dorf, für sie ist Frankfurt eine Weltmetropole. Das hat Heribert Bruchhagen schnell gelernt, als er Chef der Eintracht wurde.

"Die Verantwortlichen hier sind immer von der Erwartungshaltung ihres Umfeldes erdrückt worden." Frankfurt hat knapp 700.000 Einwohner, aber "sie sieht sich nun mal als Champions-League-Stadt". War hat noch mal die höchsten Hochhäuser der Republik? Eben.

Seit elf Jahren lebt Bruchhagen jetzt in Sachsenhausen direkt am Main, wo er abends noch am Ufer joggt mit Blick auf die Skyline, wo er nachts um drei noch auf joggende Banker trifft und die unheimlich "friedfertige Atmosphäre" genießt. Er wundert sich bis heute, wie schnell diese Stadt ihn aufgenommen hat in ihre Mitte. Viel offener als die Hamburger, sagt er. "Ich fühle mich total wohl."