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Folgen:Erreger mit höherer Gewalt

Abgesagte Messen, zugesperrte Museen: Das Virus verändert den Alltag.

Nun also doch: Nach langem Zögern wurde am Dienstag die Leipziger Buchmesse abgesagt. Coronavirus-Alarm! Die Messe, die Mitte März stattfinden sollte, ist nach der Frankfurter Buchmesse das größte Literaturereignis in Deutschland. Im vergangenen Jahr kamen fast 300 000 Menschen. Auch aus dem parallel zur Messe geplanten Lesefestival "Leipzig liest" wird nun nichts.

Die Buchmesse ist nicht die einzige Großveranstaltung in Deutschland und Europa, die aus Angst vor der Verbreitung der neuen Lungenkrankheit nicht stattfindet. Schon Ende vergangener Woche wurde die ITB in Berlin, die Internationale Tourismusbörse, abgesagt. In dieser Woche folgte in München noch die Absage der Handwerksmesse. Zuvor waren bereits die Kölner Eisenwarenmesse und auch das Branchentreffen für Halalprodukte in Hannover gestrichen worden. "Eine vergleichbare Situation wegen drohender Gesundheitsrisiken hatten wir noch nie in der Vergangenheit", sagt Silvia Bauermeister vom Verband der Messeveranstalter Auma in Berlin.

In Mailands Museen soll man nun einen Abstand von einem Meter halten

Der Sport ist ebenfalls betroffen. In der Schweiz wurden die Fußballspiele der ersten und zweiten Liga für den Rest des Monats abgesagt. In Italien fallen Spiele der Lega A aus, das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League zwischen Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund könnte in der kommenden Woche eventuell vor leeren Rängen ausgetragen werden, hatte die Tageszeitung Le Parisien spekuliert.

Außer der Leipziger Buchmesse werden auf dem Kontinent auch viele andere Kulturveranstaltungen gecancelt. Frankreichs wichtigste Buchmesse, der Salon du Livre in Paris etwa, da in Frankreich Veranstaltungen mit mehr als 5000 Besuchern von der Regierung untersagt wurden. Der Pariser Louvre wiederum wurde geschlossen, weil die Mitarbeiter sich wegen der Ansteckungsgefahr weigerten, zur Arbeit zu erscheinen.

In London hält man vorläufig an der Book Fair in der ersten Monatshälfte fest. Obwohl viele Aussteller bereits angekündigt haben, nicht nach London zu kommen, soll die Messe stattfinden, sofern keine anderen Anweisungen von Regierungsseite kommen. Abgesagt wurde auch das Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki, das am Donnerstag beginnen sollte. Die Veranstalter versuchen, einen Teil der Filme ins Internet zu stellen. Eine kuriose Lösung haben sich die Mailänder einfallen lassen: Mittlerweile sind der Dom und die Museen in der Stadt wieder geöffnet. Die Besucher werden jedoch angewiesen, einen Mindestabstand von einem Meter zueinander einzuhalten.

Obwohl in Asien die Kunstmessen Art Basel Hongkong und Art Dubai abgesagt wurden, ist bei den Kunstmessen in Mitteleuropa die Lage hingegen noch vergleichsweise entspannt. Die Art Vienna soll Ende März wie geplant stattfinden, ebenso wie die Art Paris in den ersten Apriltagen. Auch an der wichtigsten deutschen Kunstmesse, der Art Cologne Ende April, wird bisher festgehalten.

Was aber passiert, wenn Messen oder Großveranstaltungen tatsächlich gecancelt werden? Die Kölner Eisenwarenmesse, die nur alle zwei Jahre stattfindet, kann einfach ins nächste Frühjahr verlegt werden. Bei anderen Messen wird derzeit diskutiert, ob sie im Herbst nachgeholt werden könnten. Im Fall der ITB allerdings werde das kompliziert, sagt Sprecherin Julia Sonnemann. Für den Aufbau von Messen dieser Größe brauche man rund zwei Wochen, im Herbst aber seien die Zeitslots am Berliner Messegelände schon mit anderen Veranstaltungen belegt.

Gruß aus der Ferne

Innenminister Horst Seehofer hat es vorgemacht: Am Montag versagte er Bundeskanzlerin Angela Merkel vor laufender Kamera den Handschlag. Und das hatte bekanntlich keine politischen Gründe, sondern geschah aus medizinischer Vorsicht. Weil beim Händedruck potenziell Krankheitserreger wie das neue Coronavirus übertragen werden, kann ein Gruß auf Distanz durchaus schützend sein für die Gesundheit. Dass dies nicht unbedingt unhöflich sein muss, zeigt ein Blick in andere Kulturkreise, wo es auch eine leichte Verbeugung tut, eine Hand auf der Brust oder sogar nur ein Blick in die Augen. Selbst der aus den USA bekannte fist bump reduziert im Vergleich zum Handschlag das Risiko einer Infektion. Eine allerdings schon sechs Jahre alte Studie im American Journal of Infection Control schätzt das rituelle Aneinanderstoßen der Fäuste als "hygienische Alternative" ein, weil deutlich weniger Erreger übertragen würden. Das in Amerika ebenfalls verbreitete Aneinanderklatschen der Handfläche dagegen ist inzwischen verpönt. Der Basketballverband NBA zum Beispiel hat seinen Spielern geraten, erst einmal auf high fives zu verzichten - aus Angst vor Corona. Überhaupt spielt Handhygiene eine wichtige Rolle beim Schutz vor Infektionskrankheiten aller Art. Regelmäßiges Händewaschen bleibt deshalb die häufigste Empfehlung von Seuchenschützern: wenigstens 20 Sekunden lang, besser 30, auch zwischen den Fingern und den Handrücken nicht vergessen - mit warmem Wasser und Seife. Zudem raten Epidemiologen insgesamt zu Abstand. Anderthalb Meter dürfen es ruhig sein, um einer Tröpfcheninfektion durch jemanden, der niest oder hustest, halbwegs aus dem Weg zu gehen. Auch beim Sprechen fliegen kleine Tröpfchen aus dem Mund. Abstand schützt. Insofern ist es bei so regem Infektionsgeschehen wie derzeit auch eine Frage der Höflichkeit, einen Schritt zurückzutreten. Man weiß ja nicht, ob man nicht vielleicht selbst ansteckend ist. So schützt man sich selbst und andere. Hanno Charisius

Und wer zahlt für die Ausfälle? Weder die Messe Berlin als Veranstalter noch die Aussteller seien schuld an der Absage, sagt zum Beispiel ITB-Sprecherin Sonnemann und verweist auf den Passus "Höhere Gewalt" in den Verträgen für die Standmiete. Danach müssen die Aussteller die Standmiete nicht zahlen, wenn die Messe aus Gründen, "die weder sie noch der Aussteller zu vertreten hat", nicht stattfindet. Und was ist mit den Messebesuchern? Die ITB-Sprecherin kann keine Auskunft geben, ob die Messetickets, die zwischen 40 und 90 Euro kosten, rückerstattet werden. Aktuell werde die Rechtslage geprüft.

Der Veranstalter der ITB, die Messe Berlin, möchte sich vorerst nicht äußern, ob die ITB gegen einen Ausfall wegen drohender Gesundheitsrisiken versichert war. Referentin Bauermeister vom Verband der Messeveranstalter hält das für unwahrscheinlich. "Die wenigsten Messeveranstalter werden eine solche Versicherung haben", sagt sie. Selbst, wenn es Versicherungen für Epidemien gibt, seien die Policen so hoch, dass der Abschluss unwirtschaftlich wäre, sagt Bauermeister.

Dass sich Großveranstalter gegen Veranstaltungsausfall versichern, sei möglich und üblich, sagt eine Sprecherin des Versicherungsverbandes GDV. Allerdings schlössen die Verträge eher gängige Risiken wie Unwetter bei Festivals im Freien ein. Epidemien und Seuchen seien indes ausgeschlossen und könnten nur durch hohe Zusatzzahlungen in die Verträge eingebunden werden. "Wenn die Gefahr nicht präsent ist, werden solche Produkte auch nicht nachgefragt", sagt die GDV-Sprecherin und verweist darauf, dass die bisher letzte Virusgefahr durch die Lungenkrankheit Sars mehr als 15 Jahre zurückliegt. Und damals musste keine Messe abgesagt werden.

Geschlossen! Die Mitarbeiter des Louvre in Paris weigerten sich aus Angst vor der Ansteckungsgefahr, zur Arbeit zu erscheinen - der Eingang zum Museum.

(Foto: Ludovic Marin/AFP)

Manche Veranstalter, die doch Verträge gegen Veranstaltungsausfall abgeschlossen haben, dürften inzwischen einigen Ärger mit ihren Versicherern haben. In den vergangenen Tagen erhielten sie Post von den Gesellschaften, in denen diese alle Zahlungen für Ausfälle ausschließen, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus stehen. Der Ausschluss soll auch für bestehende Verträge und bereits versicherte Veranstaltungen gelten. Für Veranstalter mit Hunderten Events, die jeweils mit 500 000 Euro oder 1,5 Millionen Euro versichert sind, kann das den Ruin bedeuten.

Die Gesellschaften berufen sich auf die sogenannte "Gefahrerhöhung" nach Vertragsabschluss, laut Gesetz könnten sie demnach Risiken ausschließen. Unsinn, sagt dazu der Düsseldorfer Fachanwalt Mark Wilhelm: "Gegenwärtig handelt es sich tatsächlich um eine erhebliche Gefahrenlage für die Versicherer, die sie sicher im Rahmen ihrer Risikoanalyse berücksichtigt haben." Bei sogenannten Allgefahrendeckungen gebe es keine "Gefahrerhöhung". Wilhelm sagt, wenn die Behörden wie in Frankreich oder der Schweiz Großveranstaltungen verbieten würden, müssten die Veranstalter allerdings viele Verpflichtungen nicht erfüllen, dann sei der mögliche Schaden deutlich geringer.

© SZ vom 04.03.2020
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