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Flugreisen:Schubumkehr

Nicht nur die Lufthansa erkennt: Die Geschäfte werden vermutlich nie mehr so sein wie vor Corona.

Von Caspar Busse

Für diejenigen, die großes Fernweh haben, oder solche, die schon lange nicht mehr in einem Flugzeug gesessen haben und ihre wöchentlichen Businesstrips vermissen, hat Qantas jetzt ein besonderes Angebot: Mitte Oktober soll eine Maschine vom Typ Boeing 787, der sogenannte Dreamliner, in Sydney starten und sieben Stunden unterwegs sein - um dann wieder in Sydney zu landen. Angeblich war der Rundflug der australischen Airline bereits nach kurzer Zeit ausverkauft. Qantas ist nicht allein: Auch Singapore Airlines bietet solche Flüge ins Nirgendwo an. Drei Stunden sei der Airbus A 350 unterwegs, so die Zeitung The Straits Times, um vom Flughafen Changi zum Flughafen Changi zu fliegen.

Ob diese Angebote die Phantomschmerzen der Vielflieger, die seit Corona kaum mehr in die Luft kommen, wirklich lindern können, ist unbekannt. Klar ist aber vor allem eines: Die internationalen Fluggesellschaften sind verzweifelt. Immer mehr setzt sich jetzt eine bittere Erkenntnis durch, nämlich die, dass auf absehbare Zeit im weltweiten Flugverkehr nichts mehr so sein wird wie vor Corona. Vielleicht, so fürchten schon manche, werden die Rekordzahlen des Boomjahres 2019 nie wieder zurückkommen. Da waren so viele Passagiere wie nie zuvor unterwegs, die Fluggesellschaften wurden der Nachfrage kaum noch Herr, der Himmel war völlig überfüllt.

Und jetzt? Leere. Lufthansa musste gerade eine erneute Verschärfung ihres Sparprogramms verkünden. Es sollen nun noch mehr Jobs gestrichen werden und deutlich mehr als die bisher geplanten rund hundert Maschinen stillgelegt werden. Die Lage ist dramatisch: Lufthansa verliere derzeit etwa 500 Millionen Euro pro Monat, sagte Vorstandschef Carsten Spohr in dieser Woche bei einer internen Versammlung. Selbst die erhoffte zaghafte Erholung ist ausgeblieben. Die Buchungen für Oktober liegen derzeit bei weniger als zehn Prozent des entsprechenden Zeitraums 2019. Auch Spohr, früher selbst Pilot, hält es inzwischen für fraglich, ob Lufthansa jemals wieder die alten Umsätze erreichen wird.

Touristen wollen und können nicht fliegen, wegen eines Mixes aus Reisebeschränkungen, Angst und Quarantäne-Regeln. Langstreckenflüge gibt es kaum. Besonders bitter: Die Geschäftsreisenden bleiben weg, sie haben Airlines wie Lufthansa in der Vergangenheit besonders viel Geld eingebracht. Möglich, dass sie gar nicht alle zurückkommen. Denn viele machen gerade die Erfahrung, dass Meetings und Gespräche per Videotelefonat einfacher, zeitsparender und billiger sind.

Lufthansa hat bereits Milliarden vom Staat erhalten, und ist nicht allein. "Wir kämpfen noch immer um unser Überleben", sagt Alex Cruz, der Chef von British Airways. Die Menschen haben weiterhin Angst vor Reisen. Deshalb hat die europäische Flugsicherung Eurocontrol Prognosen für den Flugverkehr drastisch reduziert. Statt einer Erholung werde die Zahl der Flugbewegungen bis Februar 2021 weiter zurückgehen. "Wir bewegen uns rückwärts", sagt Eurocontrol-Chef Eamonn Brennan. "Das ist beunruhigend für die gesamte Branche."

© SZ vom 19.09.2020

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