Flüchtlingshelferin:Mardini könnte ihre Bekanntheit zum Verhängnis geworden sein

Die Vorwürfe, die sich aus dem Haftbefehl und einer öffentlichen Stellungnahme der griechischen Polizei ergeben, wiegen gleichwohl schwer. Da ist zuallererst der Vorwurf der Geldwäsche. Er speist sich offenbar aus der Tatsache, dass Sara Mardini wie Sean Binder (und hunderte anderer Freiwilliger) in den sozialen Medien immer wieder um Spenden für die NGO ERCI geworben haben. Was für Flüchtlingshelferinnen wie selbstverständlich klingt, könnte jetzt zum Bumerang werden. Jedenfalls aus Sicht der griechischen Behörden.

Der zweite Vorwurf ist nicht minder problematisch. Die Behörden halten den beiden auch Beihilfe zur illegalen Einwanderung nach Griechenland vor. Hintergrund sind WhatsApp-Gruppen unter freiwilligen Flüchtlingshelfern auf Lesbos, in denen sie sich über ankommende Boote und Notfälle ausgetauscht haben. Über diese Gruppen, so heißt es jetzt, hätten sich Helfer auch mit Schleppern abgesprochen und verständigt.

Der griechische Anwalt der beiden kann dafür keinerlei Belege finden. Er verweist außerdem darauf, dass sich in diesen Gruppen gut 400 Freiwillige, die auf Lesbos helfen, über alles aktuelle austauschen. Deshalb sei es quasi unmöglich, über diesen Weg Geheimnisse zu verabreden. Trotzdem bleibt der Vorwurf fürs erste im Raum stehen.

Der dritte Vorwurf lautet Spionage. Und er geht darauf zurück, dass man bei einer Kontrolle der beiden vor einigen Wochen ein Fernglas und Funkgerät fand, mit dem öffentlich zugängliche Kanäle empfangen werden konnten, die auch von der EU-Grenzschutzagentur Frontex und der griechischen Küstenwache genutzt werden. Allerdings ist auch das laut Spannekrebs und anderen Flüchtlingshelfern absolut üblich. Wer helfen will, muss wissen, wo Menschen in Not geraten, lautet unter Flüchtlingshelfern die Begründung.

Ob das alles zu einer Verurteilung reicht? Der griechische Anwalt der beiden hält das nach Erfahrungen mit früheren Fällen bislang für unwahrscheinlich. Gleichwohl fürchtet er, dass beide lange in Untersuchungshaft sitzen könnten, weil entsprechende Verfahren in Griechenland oft viele Monate dauern, so der Anwalt. In Rede steht, dass es schnell 18 Monate oder mehr werden könnten.

Das Auswärtige Amt hat sich der Sache angenommen

Freunde und Verwandte der beiden fürchten nach Kontakten mit Kollegen von Mardini und Binder überdies, dass es den griechischen Behörden vor allem um eines gehen könnte: um Abschreckung. Und das könnte ein Grund dafür sein, dass die auf Lesbos und darüber hinaus besonders bekannte Sara Mardini verhaftet wurde.

Damit ist sie möglicherweise ins Zentrum der immer schärfer geführten Debatte um die Rolle der Hilfsorganisationen geraten. Schon länger werden diese von Befürwortern eines harten Kurses dafür kritisiert, dass sie mit ihrer Hilfe auch das Geschäft der Schlepper unterstützen würden.

Für Freunde von Sara Mardini wie den Berliner Schwimmtrainer Spannekrebs klingt der Vorwurf absurd, weil er die freiwilligen Helfer und ihre Leidenschaft auf Lesbos selbst erlebt hat. Dass manche griechische Behörde aber bewusst hart zur Sache geht, um die Flüchtlingshelfer insgesamt zu verunsichern und zu verängstigen, halten viele Mitstreiter von Mardini durchaus für möglich.

Hinzu kommt allerdings eine zweite Möglichkeit. Und die ist für Sara Mardini und ihren Begleiter nicht wirklich besser. So ist aus griechischen Sicherheitskreisen zu hören, dass man mit den Verhaftungen von ERCI-Mitarbeitern und Freiwilligen ein "illegales Netzwerk" zerschlagen habe. Und von Beobachtern vor Ort wird diese Behauptung unterfüttert mit Hinweisen auf die Leitung der Nichtregierungsorganisation.

Hierbei soll es sich um Menschen handeln, die früher in Spezialeinheiten des Militärs, als Personenschützer von Prominenten und als Schiffsbesatzung im Kampf gegen Piraten gearbeitet haben. Offiziell wird das weder bestätigt noch dementiert; eine entsprechende Anfrage an die Leitung der NGO blieb bisher unbeantwortet. Auf der Homepage findet man viele Informationen, aber keinen Hinweis darauf, wer die Organisation leitet.

Und so lässt sich der Verdacht, es könnte was dran sein an den Vorwürfen, nicht wirklich prüfen. Bislang hatte ERCI offiziell einen guten Leumund; auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte der Organisation immer wieder Geld für ihre Arbeit gegeben.

Für Sara Mardini und Sean Binder ist weder die eine noch die andere Variante gut. Ob die Behörden mit harter Hand abschrecken wollen oder die Leitung von ERCI doch problematisch ist - in beiden Fällen besteht die Gefahr, dass die beiden Verhafteten auch aufgrund der Prominenz von Mardini in die Mühlen eines immer schärfer ausgetragenen Konflikts an der EU-Außengrenze geraten sind.

Das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Athen, so viel immerhin ist bekannt, haben sich des Falls angenommen, werden sich konsularisch um beide kümmern und haben zu diesem Zweck auch schon Kontakt zu den griechischen Behörden aufgenommen. Was das bringt und wie lange es dauert, bis es Positives hervorbringt, kann in Berlin und Athen derzeit aber niemand sagen.

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