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Flüchtlingsansturm auf Ceuta und Melilla:Europa als letzte Hoffnung

MORE THAN 200 IMMIGRANTS ENTER MELILLA

Unter den Flüchtlingen bricht Jubel aus, nachdem sie den meterhohen Grenzzaun überwunden haben: Am Freitag erreichten 214 Afrikaner die spanische Nordafrika-Enklave Melilla.

(Foto: dpa)

Sie schwimmen, benutzen Schlauchboote oder klettern über meterhohe Zäune: Wieder sind afrikanische Flüchtlinge in Melilla angekommen, erst am Freitag stürmten Hunderte die spanische Enklave in Marokko. Das Notaufnahmelager ist völlig überfüllt, Spanien prüft sogenannte "Push-Back-Abschiebungen".

Als die Afrikaner die spanische Küstenwache vor Melilla erblicken, schlitzen sie ihr Schlauchboot mit einem Messer auf und bringen es zum Kentern. Etwa 30 Menschen sind es, die die Bediensteten am Sonntagmorgen aus dem Meer ziehen. Die Flüchtlinge sind gerettet, vier von ihnen kommen mit Unterkühlung ins Krankenhaus.

Dramatische Szenen spielen sich seit Tagen in der spanischen Enklave ab. Erst am Freitag seien mehr als 200 Afrikaner über die Grenzzäune geklettert. Dabei hätten die Afrikaner Polizisten mit Flaschen, Stöcken und Steinen beworfen. Ein Beamter sei durch einen Knüppelschlag auf den Kopf verletzt worden. Nach Schätzungen der Polizei versuchten etwa 400 Flüchtlinge kurz nach sechs Uhr morgens an zwei Grenzpunkten, über den zum Teil sechs Meter hohen Zaun zu klettern. Mindestens 214 Menschen sei dies nach einer ersten Zählung gelungen.

Die Flüchtlinge seien jubelnd in das Aufnahmelager Melillas gelaufen und hätten immer wieder "Oe, oe, oe" und "Viva España" gesungen, berichtete die Onlinezeitung Elmundo.es. Medienberichten zufolge stammen sie vorwiegend aus Kamerun und Guinea.

Es handelt sich um den dritten Ansturm binnen weniger Tage, vergangenen Montag und am 17. Februar drängten Hunderte Flüchtlinge in die spanische Enklave. Bei einer dieser Aktionen waren Anfang des Monats mindestens 14 Flüchtlinge im Meer ertrunken. In der Folge entbrannte in Spanien eine heftige Debatte über das Verhalten der Sicherheitskräfte, die zusammen mit ihren marokkanischen Kollegen die Flüchtlinge zurückgedrängt hatten. Die Regierung in Madrid gab inzwischen zu, dass Gummigeschosse eingesetzt wurden, um die Flüchtlinge abzuwehren und verbot den weiteren Einsatz.

Die Flüchtlinge sind im Notaufnahmelager der Stadt untergebracht. Die Einrichtung ist völlig überfüllt: Mehr als 1300 Menschen werden dort betreut. Konzipiert ist sie für lediglich 480 Menschen. Das spanische Militär stellte Zelte, Liegen und Lebensmittel zur Verfügung. Die Polizei schickte Beamte einer Sondereinheit zur Verstärkung nach Melilla.

Auch im westlich gelegenen Ceuta versuchten am Sonntag etwa 50 Afrikaner, von Marokko auf spanisches Gebiet zu stürmen. Nach Angaben der spanischen Behörden gelangten vier von ihnen auf spanisches Territorium, die übrigen wurden von der marokkanischen Gendarmerie aufgehalten.

Madrid fordert Hilfe von Brüssel

Spaniens Innenminister Jorge Fernández Díaz verlangt von den EU-Partnern eine stärkere Unterstützung bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Efe berichtete, will der Minister das Thema beim nächsten Treffen mit seinen EU-Amtskollegen in Brüssel zur Sprache bringen. In Brüssel wird sich Díaz auch noch für den Einsatz der Gummigeschosse rechtfertigen müssen, wie die Zeitung El País berichtet.

Auf harsche Kritik von Menschenrechtlern stieß auch eine weitere Reaktion aus Madrid. Medienberichten zufolge sucht Madrid nach Möglichkeiten, die "Push-Back-Abschiebung" zu legalisieren, die in Spanien auch "heiße Abschiebung" genannt wird. Über das Thema hätten der spanische Innenminister Jorge Fernández Díaz und sein marokkanischer Amtskollege Mohammed Hassad beraten, berichtet Elmundo.es. Das Verfahren sieht vor, dass Einwanderer sofort wieder auf marokkanisches Territorium gebracht werden, wenn sie die Grenzanlagen der spanischen Nordafrika-Enklaven überwunden haben.

Melilla ist ebenso wie die Stadt Ceuta eine spanische Enklave an der marokkanischen Mittelmeerküste. Die beiden Gebiete haben die einzigen Landgrenzen zwischen der Europäischen Union und Afrika. Sie sind daher ein begehrtes Ziel afrikanischer Migranten. Während sie in Melilla versuchen, über den sieben Meter hohen Zaun zu gelangen, richten sich in Ceuta die Versuche vor allem auf den Grenzübergang und den Strand.

Nach Informationen von El País hatten seit Beginn dieses Jahres insgesamt etwa 4000 Flüchtlinge versucht, von Marokko aus die Grenzbefestigungen bei Melilla zu überwinden, etwa 600 von ihnen erreichten spanisches Territorium.

© Sz.de/AFP/dpa/hai/fie
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