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Flüchtlinge:Was die Zuwanderung mit Deutschland macht

Steven Vertovec, 58, ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften.

(Foto: Foto: MPI)

Die Flüchtlinge werden die Bundesrepublik grundlegend verändern. Das Land steht vor einer neuen Zeitenwende.

Gastbeitrag von Steven Vertovec

Allein in diesem Jahr könnten 1,5 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kommen - die größte Herausforderung seit der Wende. Die New York Times veröffentlichte vor einigen Wochen eine Karikatur: Sie zeigte den "neuen Mauerfall" mit Angela Merkel und jubelnden Deutschen, die Flüchtlinge durch eine niedergerissene Mauer zwischen dem globalen Norden und Süden hindurch willkommen heißen. Man sollte diesen Vergleich nicht überstrapazieren.

Aber: Jedes tief greifende Ereignis dieser Art zieht weitreichende politische, ökonomische und soziale Restrukturierungen nach sich. Bis sich die Veränderungen durch die neue Einwanderungswelle voll entfalten, wird es - wie nach der Wende - Jahrzehnte dauern. Und sie werden voraussichtlich in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sehr unterschiedliche Entwicklungen in Gang setzen.

Deutschland muss davon ausgehen, dass eine wachsende Zahl von Menschen kommen wird. Weil neue Migration weitere Migration nach sich zieht. Mit dem Überqueren von Grenzen weiten sich transnationale soziale Netzwerke aus. Sie befördern - unterstützt durch Smartphones - den Informationsfluss zu den Zurückgebliebenen hinsichtlich Reisemöglichkeiten, Arbeits-, Wohnungssuche und vieles mehr.

Die Triebkräfte heutiger Migration werden sich auch nicht in Luft auflösen

Die Triebkräfte heutiger Migration werden sich auch nicht in Luft auflösen. Migration hat selten eine einzige Ursache und ist in den wenigsten Fällen nur erzwungen oder nur freiwillig. Meist wirken mehrere Faktoren - politische, soziale, ökonomische, demografische und ökologische - zusammen. Und das macht es immer schwieriger, Lösungen für die Migrationsproblematik zu finden. In jedem der Länder, aus dem die Neuankömmlinge kommen, ist die Konstellation der zusammenwirkenden Migrationsursachen eine andere, und keine dieser Ursachen wird sich kurzfristig beheben lassen.

Nun ist Zuwanderung kein neues Phänomen in Deutschland. Es gab bereits mehrere ausgeprägte Zuwanderungswellen: zunächst aus Italien, Jugoslawien und der Türkei und von 1990 an aus aller Welt, wodurch sich nicht nur die Struktur der Bevölkerung in Deutschland erheblich verändert hat. Unsere eigenen Forschungsergebnisse aber auch Untersuchungen des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration zeigen die überwiegend positive Haltung zu gesellschaftlicher Vielfalt und weit verbreitete soziale Kontakte zwischen Einheimischen und Einwanderern.

Die Neuankömmlinge heute sind größtenteils Syrer, Afghanen, Pakistaner, Eritreer, Somalier, Nigerianer und Iraker, zusammen mit einer nach wie vor hohen Zahl von Menschen aus Serbien, Kosovo und Albanien. Dennoch ist es nicht die ethnische oder nationale Differenzierung, welche die deutsche Gesellschaft vor die größten Herausforderungen stellen wird. Die größte Herausforderung wird vielmehr mit hoher Wahrscheinlichkeit im rechtlichen Status der neu Ankommenden liegen.

Was geschieht, wenn die "Refugees Welcome"-Euphorie nachgelassen hat?

Wie in den meisten westlichen Demokratien werden Neuankömmlinge in Deutschland je nach Migrationsweg und -form sowie nach ihrem jeweiligen Rechtsstatus eingeteilt und behandelt. So gibt es beispielsweise EU-Binnenmigranten, befristete oder Saisonarbeitskräfte, Hochqualifizierte und durch Firmen Entsandte, Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, Menschen mit befristetem Aufenthaltstitel oder einer Duldung, Familienangehörige, Studierende, abgelehnte Asylbewerber, Menschen mit abgelaufenem Visum und ganz ohne Papiere.

Jeder Status bedeutet auf vielen Gebieten unterschiedliche Möglichkeiten und Einschränkungen - von der Eingliederung in den Arbeitsmarkt über den Zugang zu Bildung und öffentlichen Dienstleistungen bis hin zu den Aussichten auf dauerhafte Niederlassung und der Möglichkeit der Einbürgerung. Der jeweilige Status eines Zuwanderers hat Auswirkungen auf Einkommen, Gesundheit und Wohnverhältnisse, auf die Möglichkeiten, soziale Netzwerke zu bilden, auf die Integration im Wohnumfeld und die Familiendynamik. Er weist Menschen Lebenslagen zu, aus denen sie häufig nur sehr schwer wieder herauskommen. So trägt der zugewiesene Status wesentlich dazu bei, dass soziale Ungerechtigkeit entsteht.

Was könnte also in naher Zukunft geschehen, wenn der Zustrom anhält und die "Refugees Welcome"-Euphorie nachgelassen hat? Folgt man sozialwissenschaftlichen Analysen, so wird die positive Aufnahme wie bei den vorangegangenen Einwanderungswellen der Normalfall sein. Es wird Frustrationen, aber auch Anpassungsprozesse geben. Und obwohl eine allgemein positive Atmosphäre durchaus von Bestand sein könnte, wird es zweifellos auch jede Menge Probleme geben. Viel wird davon abhängen, wie die Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Die Kommunen werden stark gefordert, Institutionen wie Schulen, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sowie der Wohnungsmarkt geraten unter erheblichen Druck.

Ein Schwarzer-Peter-Spiel der Schuldzuweisung an Zuwanderer

Dies wird auf allen Ebenen Einfluss auf die politische Diskussion haben. Und während die einen die gelungenen Beispiele für Integration hervorheben, werden andere jede Chance nutzen, um ein "Das-haben-wir-doch-gleich-gesagt" anzumahnen. Ein Schwarzer-Peter-Spiel der Schuldzuweisung an Zuwanderer wird in Gang gesetzt, weiter auf die Spitze getrieben und instrumentalisiert werden.

Die positiven oder negativen Bilder, die Beziehungen und Diskurse werden sich dabei nicht nur zwischen den schon lange weltoffenen Großstädten und den Kleinstädten und Dörfern unterscheiden, sondern vor allem zwischen Ost und West. Stereotypisierung wird dazu führen, dass bestimmte Herkunftsgruppen positiv bewertet und andere stigmatisiert werden. Dennoch haben die Probleme, die Stigmata und die soziale Schichtung, die mit Zuwanderung einhergehen, weit weniger mit Ethnizität, Nationalität und den mutmaßlich damit verbundenen Kulturen zu tun als mit dem jeweiligen Rechtsstatus, der so sehr darüber entscheidet, wo und wie Menschen leben. Politik, Medien und Wissenschaft werden daher dauerhaft gefordert sein, sich mit den dabei entstehenden Schwierigkeiten auseinanderzusetzen und Lösungen zu entwickeln.

Wann immer von den Veränderungen nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren die Rede ist, ist es in Deutschland üblich, die Formulierung "seit der Wende" zu gebrauchen. Die sozialen Entwicklung, vor denen Deutschland jetzt steht, sind von einer ähnlichen Größenordnung. Die Formulierung "seit der Flüchtlingskrise" wird deshalb zu einer ebenso geläufigen Redewendung werden.

© SZ vom 28.10.2015/dayk
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