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Fleischindustrie:Beschämend

In der Fleischindustrie gilt: Wer suchet, der findet.

Von Henrike Rossbach

Politiker, die ihre pragmatische Ader betonen wollen, sagen gerne, Politik beginne mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Dieser Kurt Schumacher zugeschriebene Satz ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn nach dem Betrachten sollte im besten Fall das Handeln kommen. Dass dem aber oft nicht so ist, zeigen die Zustände in der Fleischindustrie.

Jahrelang haben Kontrollen in der Branche immer wieder Verstöße gegen den Arbeitsschutz zutage gefördert. Die Wirklichkeit wurde also sehr wohl betrachtet. Nur wurde danach schnell in eine andere Richtung geschaut. Ein Versäumnis ist, dass es insgesamt viel zu wenige Kontrollen gab, um den Wirtschaftszweig mit seinen Subunternehmen, Werkvertragskonstruktionen und ständig wechselnden Belegschaften wirklich unter Druck zu setzen. Genauso schwer aber wiegt, dass aus den gewonnenen Erkenntnissen offenbar kaum Konsequenzen gezogen wurden.

Denn selbst die wenigen Stichproben, die es gab, zeigten eindeutig, dass in der Fleischindustrie gilt: Wer suchet, der findet. Warum trotzdem nicht mehr gesucht wurde, ist vollkommen unverständlich. Und dass die triste Lebenswirklichkeit der Fleischarbeiter, die oft aus Osteuropa stammen, erst jetzt echte Aufmerksamkeit erfährt, wo sie den Alltag aller anderen Bürger beeinträchtigt, ist beschämend.

© SZ vom 18.08.2020
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