Feuertod in Polizeizelle Sachsen-Anhalt will im Fall Oury Jalloh Sonderermittler einsetzen

Während des Prozesses vor dem Landgericht in Magdeburg demonstrierten Menschen unter anderem mit Transparenten, die Oury Jalloh zeigen.

(Foto: dpa)
  • Im Fall Oury Jalloh will die Landesregierung von Sachsen-Anhalt zwei Sonderermittler einsetzen.
  • Der Grünen-Politiker Montag und der ehemalige Bundesverfassungsrichter sollen den Fall des Asylbewerbers, der in einer Polizeizelle verbrannt war, neu aufrollen.

Im Fall des in einer Polizeizelle umgekommenen Oury Jalloh will Sachsen-Anhalt zwei Sonderermittler einsetzen. Die Magdeburger Regierungskoalition aus CDU, SPD und Grünen verständigte sich nach Informationen der Mitteldeutschen Zeitung darauf, dass die Experten den Fall im Rechtsausschuss des Landtags aufarbeiten sollen.

Zum einen handelt es sich demnach um den Rechtsanwalt Jerzy Montag. Der Grünen-Politiker untersuchte bereits als Sonderermittler im Bundestag den Komplex der rechtsextremen Zelle Nationalsozialistischer Untergrund. Zum anderen solle sich der frühere Bundesverfassungsrichter Herbert Landau mit dem Fall befassen. Landau untersuchte zuletzt für die sächsische Landesregierung den Suizid des terrorverdächtigen Jaber al-Bakr in der Justizvollzugsanstalt Leipzig.

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Der Asylbewerber Jalloh war am 7. Januar 2005 verbrannt in einer Zelle des Polizeireviers Dessau gefunden worden. Er lag dort an Händen und Füßen gefesselt auf einer Matratze.

Die Ermittler in Dessau, die zunächst mit dem Fall befasst waren, vertraten lange die Theorie, Jalloh habe sich selbst angezündet. Ihnen zufolge soll er die Matratze, auf der er lag, aufgerissen und die herausquellende Füllung mit einem Feuerzeug in Brand gesetzt haben. Ob so ein Feuer hätte entstehen können, das seinen Körper bis in tiefe Muskelschichten verkohlte und sogar die Finger der linken Hand vollständig wegbrannte, wurde jedoch lange nicht von offizieller Seite überprüft. Vor allem von einer Jalloh-Gedenkinitiative wird diese Version seit langem in Frage gestellt. Eine Theorie besagt, dass die Polizisten Jalloh zu Tode geprügelt hatten und mit dem Feuer Beweise vernichten wollten.

Das Landgericht Magdeburg verurteilte den damaligen Dienstleiter 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe, weil er Jalloh besser hätte überwachen müssen. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2014 das Urteil, in dem davon ausgegangen wurde, dass der Mann aus Sierra Leone die Matratze selbst angezündet hatte. Erst im August 2016 versuchte die Staatsanwaltschaft mittels eines Brandversuchs zu klären, wie Jalloh starb.

Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg entzog 2016 der Dessauer Staatsanwaltschaft das Verfahren und übertrug den Fall Jalloh an die Staatsanwaltschaft Halle. Diese stellte das Ermittlungsverfahren mit der Begründung ein, dass das Verfahren "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung ergeben" habe. Ende 2017 zog die Generalstaatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren aufgrund der unterschiedlichen Bewertung der Todesumstände Jallohs allerdings erneut an sich. Die Aufarbeitung des Falls ist damit längst nicht abgeschlossen.

Die beiden neuen Sachverständigen sollen unabhängig von den Ermittlern die im Landtag lagernden Polizei- und Justizakten sichten und neu bewerten. "Wir wollen, dass dieser Fall mit einem unabhängigen Blick von außen aufgearbeitet wird", sagte Grünen-Fraktionschefin Cornelia Lüddemann der Zeitung.

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