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FDP-Parteichef Rösler in Niedersachsen:Berlin scheint Rösler das Unverstellte genommen zu haben

Er spricht wenig über Bundespolitik, mehr über die Regierungsbilanz in seinem Heimatland, wo die FDP seit zehn Jahren mitregiert. Er trägt sicher vor, nicht so fremdelnd wie beim Dreikönigstreffen der Liberalen. Die Brisanz dieses Wahlkampfs erwähnt er nur in den letzten Sätzen. "Ja, Niedersachsen ist mein Zuhause, und meine Heimat", sagt Rösler. "Meine zweite Heimat die FDP. Darum geht es auch."

Dies ist seine Welt, aus der er 2009 gerissen wurde, als die FDP-Spitze Rösler als unverbrauchtes Talent ins Bundeskabinett holte. Der junge Arzt war hier schon im Jahr seines Abiturs 1992 in die FDP eingetreten, wurde schnell Landesvorsitzender der Jungen Liberalen und zog 2003 in den Landtag ein. Vor fünf Jahren, nach der Landtagswahl, war er ein noch sehr junger Fraktionschef, der mit einem feinen Gespür für menschliche Abgründe erklären konnte, warum das wichtigtuerische politische Berlin für ihn nichts wäre, niemals. Politik war für ihn Spaß, mit lauter jungen Weggefährten um ihn herum in der Fraktion. Rösler sprach fast phrasenfrei damals. Er wirkte untaktisch, setzte auf menschliche Begegnungen. Dieses Unverstellte scheint Berlin ihm genommen zu haben.

In Niedersachsen gab es nie die Bestrebung, sich von ihm abzusetzen. Einige der alten Gefährten haben gesehen, dass er ihnen vielleicht wenig helfen würde. Aber wenn überhaupt, so zogen sie daraus nur die Konsequenz, Stefan Birkner weiter nach vorn zu schieben. Der Jurist wird noch mehr als Rösler in Niedersachsen in den Mittelpunkt des Wahlkampfs der FDP gestellt, und das obwohl er - immerhin Umweltminister des Landes - den Umfragen zufolge kaum bekannt ist. Der ausgesprochen sachliche Birkner hat in Abstimmung mit Regierungschef David McAllister einen behutsamen, aber höchst bedeutenden Kurswechsel in der Atompolitik vollzogen. Während frühere schwarz-gelbe Regierungen sich uneingeschränkt für ein atomares Endlager in Gorleben im Wendland aussprachen, wollen McAllister und Birkner eine neue Endlagersuche, auch jenseits von Gorleben. Birkners Rolle dabei ist freilich vor allem Experten aufgefallen.

"Beste FDP-CDU-Koalition bundesweit"

Im Wahlkampf beschwört er nun Verdienste der Regierung bei Wirtschaft und Finanzen, den beginnenden Schuldenabbau, die gesunkene Arbeitslosigkeit, das Wachstum der Unternehmen. Dabei agierte der zweite Liberale in McAllisters Kabinett, Wirtschaftsminister Jörg Bode, zuweilen glücklos. Die öffentlich starken Minister in diesem Kabinett waren Christdemokraten.

Also erklärt Spitzenkandidat Birkner es zur hohen Kunst dieser schwarz-gelben Regierung, dass CDU und FDP so geräuschlos und harmonisch miteinander regierten. Birkner nennt sie "die bestfunktionierendste FDP-CDU-Koalition bundesweit", als ob es außer dieser noch ein Dutzend gäbe. Man rechnet sich gegenseitig hoch an, in schwierigen Zeiten dem Partner zur Seite zu stehen. So war es, als die CDU von den Affären um Christian Wulff erschüttert wurde und die FDP sich meist vornehm zurückhielt. Nun hat McAllister die Liberalen überraschend auf ihrem kleinen Parteitag in Verden besucht. Er braucht sie, um weiter regieren zu können.

Auf der Zielgeraden forcieren die Liberalen ihre Kampagne um Zweitstimmen von CDU-Wählern und geben sich, als ob sie ein Comeback erleben, nachdem SPD und Grüne im letzten Sommer wie sichere Sieger aussahen. "Die Aufholjagd hat längst begonnen. Wir sitzen den Roten und den Grünen im Nacken", sagt Stefan Birkner. Für Rösler muss es ein schönes Gefühl sein, für ein paar Tage nicht der Gejagte zu sein.