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Evangelische Kirche:"Gottes Segen gibt es nur bei uns"

Corona - Bayern

Leere Gotteshäuser: Die Kirche leidet unter vielschichtigen Problemen - auch unter Corona.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Taufen, Trauungen, Bestattungen - immer seltener werden diese Wegpunkte des menschlichen Lebens von kirchlicher Hilfe begleitet. Diesen Trend will die evangelische Landeskirche in Bayern sogar mit einer besonderen Beratungsstelle stoppen. Welchen Wert da die Pfarreien noch haben, ist Thema bei der anstehenden EKD-Synode.

Von Annette Zoch, München

"Lichtdurchflutet" - "für Paare, die eine klare und moderne Architektur mögen" - "die Traukirche schlechthin in Nürnberg und Umgebung, längst kein Geheimtipp mehr" - es sind Formulierungen wie aus dem Immobilienprospekt. Sie stammen aber vom Instagram-Account der evangelischen Landeskirche in Bayern, genauer: von der "Segen-Servicestelle". Regelmäßig preist sie auf Instagram die Kirche des Monats an, für heiratswillige Paare.

Die Segen-Servicestelle ist ein Versuch der evangelischen Kirche, wieder näher heranzukommen an die Menschen, die ihnen in Scharen weglaufen. Vier Pfarrer arbeiten dort, zwei in Nürnberg, zwei in München. Sie verstehen sich als eine Art kirchliche Werbeagentur. Paare wollen heiraten, wissen aber nicht, zu welcher Gemeinde sie gehören? Die Chemie mit dem Ortspfarrer stimmt nicht? Der Nachwuchs soll getauft werden, aber ein Pate ist ausgetreten? Die Servicestelle will Fragen beantworten, vermitteln, Berührungsängste nehmen.

Die Austrittszahlen sind hoch wie nie

Im Kirchensprech nennt man dieses Angebot Kasualien-Agentur; auch die Nordkirche plant eine. Kasualien sind all jene Wegpunkte im Leben eines Menschen, für die Kirchen Begleitung anbieten: Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Bestattung. In Nürnberg arbeitet das Pfarrerehepaar Oliver und Karola Schürrle in der Segen-Servicestelle. Die beiden gehen auf Hochzeitsmessen, verteilen ihre Flyer in Bestattungsinstituten, bei Wedding Plannern und Floristen. "Wir müssen auf die Konkurrenz in der Großstadt reagieren", sagt Pfarrer Oliver Schürrle. "Die Menschen wünschen heute individuelle Angebote."

Es sind in der Tat keine leichten Zeiten für die Evangelische Kirche in Deutschland. Die Austrittszahlen sind so hoch wie nie, und durch die Corona-Pandemie und die wegbrechenden Kirchensteuern ist der Spardruck enorm. An diesem Wochenende kommt das oberste Kirchenparlament, die 12. EKD-Synode, zur letzten Sitzung ihrer Amtsperiode zusammen - in diesem Jahr zum ersten Mal nur online. Bei der Synode soll unter anderem ein 17 Millionen Euro schweres Sparprogramm beschlossen werden. Und zur Diskussion steht ein Papier mit zwölf Leitsätzen zur Zukunft der Evangelischen Kirche.

Nach Kritik Leitsätze für Synode geändert

Als das Papier im Sommer öffentlich wurde, löste es massive Kritik aus - denn in den damals nur elf Leitsätzen kamen die Parochien, also die Pfarreien, nur im Nebensatz vor. Stattdessen ging es darum, "neue Formen von Gemeinde zu erproben". Parochiale Strukturen würden ihre dominierende Stellung verlieren. Nach der Veröffentlichung liefen Pfarrerinnen und Pfarrer, Theologinnen und Theologen Sturm, nannten das Papier eine "Bankrotterklärung". Sie fürchteten um die Zukunft der Pfarreien als Basis der Kirche. Nach der Kritik wurde das Papier überarbeitet, Ortsgemeinden eine "zentrale Rolle" zugestanden - man wolle aber auch eine individuellere und vielfältigere Lebensbegleitung. Also das, was die Segen-Servicestelle heute schon tut.

Reiner Anselm, Professor für evangelische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sieht Kasualien-Agenturen zumindest "ambivalent": Grundsätzlich sei eine solche Agentur "sicher nicht schlecht. Doch wir erreichen damit nur eine scheinbare Individualität, in Wirklichkeit fördern wir damit eine hohe Form von Unverbindlichkeit. Ich werde dann eben nicht mehr von meinem Gemeindepfarrer betreut, sondern von einer Art Callcenter".

Andererseits ist es, wie es ist, findet das Pfarrerehepaar Schürrle, und darauf müsse man als Kirche reagieren: "Die Erwartungen sind heute andere", sagt Karola Schürrle. "Natürlich ist auch was verloren gegangen. Früher wurden Kasualien immer im großen Gemeindezusammenhang gefeiert. Wenn jemand starb, kam die ganze Gemeinde zur Beerdigung. Das war stärker im Gemeindeleben verwurzelt."

Freie Lebensberater im Kommen

Das ist heute nicht mehr so. Die Menschen sind mobiler, stehen der Kirche zunehmend indifferent gegenüber. Nur weniger als 30 Prozent der westdeutschen 16- bis 25-Jährigen sagen, dass sie noch eine religiöse Erziehung genossen hätten. Hinzu komme, dass manche Gemeinden sich gegenüber Neuen und Suchenden nicht besonders aufgeschlossen gerierten, sagt Theologe Anselm.

Häufig falle das Gemeinde- mit dem Privatleben zusammen. Da treffen sich dann nicht nur Gemeindemitglieder, sondern eine geschlossene Gruppe von Freunden - "dergestalt, dass die Gemeinde gar nicht offen ist für Neue, die von außen dazukommen wollen. Das kann man bei jedem Kirchenkaffee beobachten. Wehe, man kommt da als Fremder unangekündigt dazu". Vor diesem Hintergrund könne man verstehen, dass viele Menschen austräten.

Und so kommen auch die Kasualien aus der Mode. In der Kirchenstatistik verzeichnet die Kirche deutliche Rückgänge bei Taufen, Trauungen, kirchlichen Bestattungen. 2018 gab es nur noch rund 167 000 evangelische Taufen, im Jahr 2007 waren es noch 206 000. In die Lücke stoßen freie Lebensbegleiter, bieten individuell zugeschnittene Komplettpakete an. Doch, bei aller Säkularisierung, die Kirche habe eben mehr zu bieten, findet Oliver Schürrle: "Es gibt eine Sehnsucht der Menschen, eingebettet zu sein in ein großes Ganzes, auch wenn sie es nicht genau fassen können. Dieses Gefühl, da gibt es noch was und wen."

"Sie haben ja wenigstens noch was zu sagen", habe eine Bestatterin, die beides kennt - freie Trauerbegleiter und Pfarrer - einmal zu ihr gesagt, erzählt Karola Schürrle. "Freie Trauerreden empfand sie oft als beliebig. Und so ähnlich ist es ja auch bei Trauungen: Bei freien Trauungen geht es ganz stark um das Paar, um die beiden. Aber warum wollen Paare heiraten? Weil sie die Gewissheit haben wollen, dass das ewig hält. Und wir als Kirche können da was anbieten, das ewig hält." Deshalb werde die Kasualagentur auch Segen-Servicestelle genannt: "Ja, ich kann mit Goethe beerdigen oder mit Schiller. Aber Gottes Segen gibt es nur bei uns."

© SZ/Hohmann
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