Ethikexperte zur Schweizer Initiative Ecopop:Drängende Identitätsfragen der Schweizer

Was wäre denn aus Ihrer Sicht typisch schweizerisch?

Wenn man so fragt, stößt man schnell auf das Klischee von Schokolade, Bergen und Schnee. Aber es geht ja um viel mehr: Die Schweiz ist auch durch Internationalität, Mehrsprachigkeit, Spitzenforschung, große Unternehmen und Weltoffenheit geprägt.

Schweizer Ökonomen sagen, Ecopop gefährde den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz. Wäre ein Ja zu dieser Initiative wirklich so katastrophal?

Nach allem, was ich von Ökonomen höre, würden wir vor allem auf einen Fachkräftemangel zulaufen, der gravierende Nachteile für die Wirtschaft und die sozialen Institutionen hätte. Aber mit diesem Argument dringen die Gegner von Ecopop nur zum Teil durch. Bisher waren die Schweizer ja stets dafür bekannt, in ökonomischen Fragen pragmatisch und vernünftig abzustimmen, den wirtschaftlichen Erfolg des Landes nicht zu gefährden. Doch diese Einstellung scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein. Fragen der nationalen Identität und kultureller Werte scheinen dagegen wichtig zu werden.

Woran liegt das?

Huppenbauer Ecopop

Markus Huppenbauer ist Ethikprofessor an der Universität Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Umwelt- und Wirtschaftsethik.

(Foto: oH)

Viele Menschen haben kein Vertrauen mehr in die Exekutiven von Politik und Wirtschaft. Die Unternehmen und deren Topmanager sind globalisierter geworden, längst nicht nur Linke haben den Eindruck: Die nehmen sich, was sie wollen und wenn sie woanders mehr Gewinn machen können, sind sie weg. Und was die Politik angeht: Die Schweizerische Volkspartei SVP hat die erwähnten Ängste bedient, alle anderen Parteien haben sie nicht wirklich ernst genommen. Wenn nun die Ecopop-Initiative von einigen Kommentatoren sogar als faschistisch bezeichnet wird, fühlen sich viele Menschen erst recht missverstanden.

Sie halten das für gefährlich?

Sehr gefährlich. Wenn wir nicht endlich gemeinsam über diese Fragen diskutieren, versuchen Vertrauen aufzubauen und die offensichtlich bestehenden Probleme zu bearbeiten, werden wir in den nächsten Jahren noch weitere Initiativen bekommen, die Ausländern skeptisch gegenüberstehen - um es mal neutral zu formulieren.

Wie verändern diese Initiativen - ob Masseneinwanderung oder Ecopop - das Bild der Schweiz in Europa?

Ich habe das Gefühl, dass bei vielen Menschen, gerade bei den Gebildeten, der Eindruck entsteht: Die Schweizer werden immer merkwürdiger. Das kann ich einerseits sogar nachvollziehen. Andererseits bin ich stolz, dass wir über diese Fragen abstimmen können. Denn in anderen Ländern werden diese Debatten genauso geführt - nur haben sie nicht die direkten Folgen in der Gesetzgebung wie bei uns. Was ich für problematisch halte, ist, dass die sich abschottende Schweiz zum Vorbild für rechte Parteien in Frankreich, England oder anderswo werden könnte. Dort heißt es dann: So wie die Schweizer, so müsste man es machen! Letztlich hätte die Annahme von Ecopop aber vor allem negative Folgen für die Schweiz. Der Rest der Welt würde sich denken: Gut, wenn ihr euch abschotten wollt, überlassen wir euch gern eurem Schicksal.

Was ist Ihr Tipp für Sonntag? Hat Ecopop eine Chance?

Ich glaube, die Initiative wird abgelehnt. Ich hoffe, das Bedürfnis, "denen in Bern" eins auszuwischen, findet keine Mehrheit. Allerdings muss man natürlich sehen: Mit der Vermischung von rechtskonservativen und ökologischen Argumenten spricht Ecopop eine sehr große Zielgruppe an. Das macht die Abstimmung auch ungewiss.

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