Ethikexperte zur Schweizer Initiative Ecopop "Das Gefühl: die Heimat steht auf dem Spiel"

Zuwanderung drastisch reduzieren? Bis zu 40 Prozent der Schweizer könnten Ecopop ihre Stimme geben.

(Foto: dpa)

Die Bewegung Ecopop will die Einwanderung in die Schweiz drastisch reduzieren - und Teile der Entwicklungshilfe in Familienplanungsprogramme leiten. An diesem Sonntag stimmen die Bürger des Landes über die Volksinitiative ab. Alle Parteien lehnen den Vorstoß ab. Doch bis zu 40 Prozent der Wähler wollen mit "Ja" stimmen. Werden die Schweizer immer merkwürdiger? Markus Huppenbauer, Ethikprofessor der Universität Zürich, erläutert, was hinter der Bewegung steckt.

Von Charlotte Theile, Zürich

SZ.de: Herr Huppenbauer, viele Deutsche reiben sich in diesen Tagen die Augen: Fast 40 Prozent der Schweizer wollen am Sonntag für Ecopop stimmen, die Initiative mit der plakativen Parole"Stopp der Überbevölkerung". Ihre Forderungen: Zuwanderung einschränken, mehr Familienplanung in der Entwicklungshilfe. Können Sie erklären, was da los ist?

Markus Huppenbauer: Nun, vierzig Prozent ist für eine Schweizer Volksinitiative nicht viel. Das wäre immer noch eine deutliche Niederlage. Aber natürlich zeigt diese Zustimmung, dass viele Schweizer beunruhigt sind, über die Richtung, die das Land in den letzten Jahren genommen hat. Die Bevölkerung ist rasant gewachsen und gerade in den Städten und Vorstädten ist wahnsinnig viel gebaut worden, die Mieten sind höher geworden, die Straßen voller. Die Leute haben das Gefühl, dass das Land die Ruhe und Sicherheit verliert, die es einmal ausgemacht haben.

Das klingt, als hätten die Schweizer Angst, ihre Identität zu verlieren.

Vor allem haben viele bei einem Ausländeranteil von knapp 24 Prozent wohl das Gefühl, ihre vertraute Umgebung sei bedroht. Das Gefühl: die Heimat steht auf dem Spiel. Und Heimat ist natürlich eng mit Identität verknüpft. Da geht es um Landschaften und Umgangsformen, um Bräuche und Sprache, das Vertrauen untereinander. Im Kern um die Frage: Welche Schweiz wollen wir? Und da muss man wohl einfach konstatieren: Die Richtung, in die sich das Zusammenleben in den letzten Jahren entwickelt hat, bereitet vielen Schweizern Bauchschmerzen. Das geht bis in die alltägliche Erfahrung hinein, dass man im Zentrum von Zürich sehr viel Hochdeutsch und Englisch hört und sich mit seinem Schweizerdeutsch manchmal fast fremd fühlt.

Von außen betrachtet sieht es so aus, als ginge es den Schweizern beneidenswert gut: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Wirtschaft wächst, der Lebensstandard ist einer der höchsten weltweit.

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So gesehen haben wir es tatsächlich mit einem Luxusproblem zu tun. Andererseits sind es ernstzunehmende Sorgen, die viele Menschen beschäftigen. Die Folgen des starken Wachstums der letzten Jahre sind nicht nur positiv. Dem stellt Ecopop ein rückwärtsgewandtes, etwas kitschiges Ideal von Heimat entgegen: Landwirtschaftlich geprägt, mit überschaubaren Dörfern und klar abgegrenzten Städten, die nicht einfach in die ländlichen Bereich hinüberwuchern, wie wir es heute teilweise erleben.

Hat es diese Heimat denn je gegeben? Oder verwendet Ecopop dieses Idyll nur, um Sehnsüchte zu wecken?

Doch, ich glaube schon, dass es diese Schweiz im 19. Jahrhundert einmal gegeben hat. Allerdings wünscht sich wahrscheinlich kaum jemand das 19. Jahrhundert zurück, wenn es um Gesundheitsversorgung oder Lebensstandard geht.

Gelingt es den Parteien und Wirtschaftsverbänden in der Schweiz, das zu vermitteln?

Das erlebe ich nicht so. Auch in diesem Wahlkampf, der mit sehr viel Aufwand geführt wird, wird die wichtige Debatte über kulturelle Identität und Heimat kaum geführt. Viele halten es wohl für ein Thema, das man den National-Konservativen überlassen sollte. Dabei ist es eine grundsätzliche Frage: Wie wollen wir die Schweiz definieren, was macht also die Schweiz aus? Diese Frage geht alle an.